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ArticleId: 454magazineZwei Monate lang arbeitete das Testmanagement der REWE Systems mit einem Asperger-Autisten zusammen. „Für uns war das auch ein Lernprozess“, erklärt Testmanagement-Leiterin Nyelete Chilenge.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/e/b/csm_05_Portrait_RIS_MA_Asperger_0415_mgt_standard_70a40f1886.jpg„Man sieht eigene Ungenauigkeiten“Kooperation mit auticon
Testmanager Marcel Drabben und Nyelete Chilenge, Leiter des Testcenters im Bereich Handelssysteme der REWE Systems Fotos: Achim Bachhausen
Kooperation mit auticon
„Man sieht eigene
Ungenauigkeiten“
von Judith Morgenschweis
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Zwei Monate lang arbeitete das Testmanagement der REWE Systems im vergangenen Jahr mit einem Asperger-Autisten zusammen - ein Pilotversuch, mit der Firma auticon, um die einzigartige Begabung von Menschen im Autismus-Spektrum im Software-Testing zu nutzen.
Nyelete Chilenge, Fachbereichsleiterin Testmanagement

Detailverliebt, akribisch, mit Übersicht - so beschreiben Nyelete S. Goncalves Chilenge, Fachbereichsleiterin Testmanagement im Bereich TIHT und Testmanager Marcel Drabben den ungewöhnlichen IT-Consultant, der sie im vergangenen Jahr bei einem Softwaretest unterstützte.

Ungewöhnlich war der Kollege deshalb, weil er ein Asperger-Autist ist. Die große Stärke von Menschen im Autismus-Spektrum liegt in ihren hohen kognitiven Fähigkeiten. Sie erkennen Muster außerordentlich schnell, ebenso wie die kleinsten Details und Fehler. Sie haben ein fotografisches Gedächtnis und eine besonders hohe Konzentrations- und Merkfähigkeit. Dabei finden sie nicht nur Fehler, sondern auch innovative und effiziente Lösungswege. Qualitätssicherung und Software-Testing bieten daher ein ideales Arbeitsumfeld, um diese Talente zu nutzen.

Für die REWE Systems sollte die Funktionalität einer Software auf verschiedenen Endgeräten getestet und Abweichungen in den fachlichen Prozessen und Einzelfunktionen dokumentiert werden. Um die speziellen Fähigkeiten des Asperger-Autisten richtig nutzen zu können, bedarf es einiger Vorbereitung.

Klare Leitplanken und Ziele

Asperger-Autisten benötigen beim Testen genaue Leitplanken und Zielvorgaben, um Qualität zu liefern. Bei explorativen Tests, in denen weitgehend eigenständig und frei Software getestet wird, besteht das Risiko, sich im Detail zu verlieren, so dass der geplante Testumfang und Zeitrahmen gesprengt werden können. Daher musste zunächst ein Test anstehen, für den Marcel Drabben klare Vorgaben zusammenstellen konnte. Gemeinsam mit den Bereichen Marktprozesse (TIHP) von Hagen Sprenger und Stammdaten (TIHS) von Andreas Gallus setzte er den Vergleichstest auf.

Der Pilotversuch wurde mit dem Beratungsunternehmen auticon realisiert. Das Unternehmen hat sich auf die Vermittlung von Menschen im Autismus-Spektrum spezialisiert und verbindet soziales Engagement mit wirtschaftlichem Anspruch. Den entscheidenden Unterschied machen dabei die auticon Job Coaches, die jeder IT-Consultant bei einem Einsatz zur Seite gestellt bekommt. Denn für beide Seiten ist die Zusammenarbeit auch eine Herausforderung. Der Job Coach sorgt dafür, dass der Asperger-Autist ein passendes Umfeld vorfindet und der Kunde die gewünschte Leistung erhält.

Kollege Sheldon Cooper

Im Umgang mit Asperger-Autisten sollte man einige Regeln beachten, damit eine für die Arbeit fruchtbare Atmosphäre besteht. Wer die Serie „The Big Bang Theory“ kennt, muss sich das in etwa vorstellen, wie eine Zusammenarbeit mit dem Charakter Sheldon Cooper. Körperliche Nähe ist nicht erwünscht, Small-Talk oder den kleinen Plausch zwischendurch sehen Menschen im Autismus-Spektrum als überflüssig an. Auch lange Diskussion und das Abwägen verschiedener Optionen sind für sie eher anstrengend. Asperger-Autisten entfalten ihre Fähigkeiten zudem am besten in einem ruhigen Umfeld. Umgebungsgeräusche können sie nicht so leicht ausblenden; sie werden daher als großer Störfaktor empfunden.

Stattdessen sehen Asperger Auffälligkeiten, die wohl die meisten anderen Menschen nicht finden würden. Selbst kleine Veränderungen in der Position eines Buttons oder der Logik eines Programms spüren sie auf. Gleichzeitig ist ihr Fokus breit angelegt. Sie sehen das Detail – und können sich darin schnell verlieren, wenn die Aufgabenstellung zu unpräzise ist – aber auch immer den großen Rahmen.

Testmanager Marcel Drabben

Akribischer Blick von außen

„Für uns war das auch ein Lernprozess“, erklärt Nyelete S. Goncalves Chilenge. Wir erwarten eigentlich eine gewisse Eigenständigkeit, auch wenn etwas unklar ist. Nun mussten wir detailliert vorbereiten, was genau zu testen ist."

Die Vorbereitung wurde belohnt: Der IT-Consultant fand Punkte, die so leicht nicht sichtbar waren und listete Verbesserungsvorschläge auf, wie die Tests noch effizienter gestaltet werden könnten. „Man sieht die eigene Arbeit reflektiert, die eigenen Ungenauigkeiten“, resümiert Marcel Drabben, der mit dem Kurzzeit-Kollegen eng zusammenarbeitete. „Dieser Blick von außen ist sehr hilfreich“, erklärt er. „Wir sind mit dem IT-Consultant auch in einen Markt gefahren und haben ihm einige Marktprozesse gezeigt. Er hat sich für alles interessiert, von der elektronischen Preisauszeichnung bis zur Verräumung der Ware und immer wieder hinterfragt, warum die Dinge so und nicht anders erledigt werden. Wir dagegen tendieren ja dazu, irgendwann betriebsblind zu werden.“

Auch in Zukunft können sie sich eine Zusammenarbeit für bestimmte Projekte vorstellen: „Für Security Tests oder Reviews kann ich mir gut vorstellen, Asperger-Autisten einzusetzen, gerade weil sie sehr genau sind und gleichzeitig alles in Frage stellen“, sagt Nyelete S. Goncalves Chilenge. Auch in anderen Bereichen wie beispielsweise der Entwicklung prüft die REWE Systems weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit auticon, um deren nachhaltiges Geschäftsmodell zu unterstützen. Schließlich sind viele Menschen im Autismus-Spektrum hoch begabt und leistungsbereit, aber dennoch ohne Job (siehe auch das Interview mit Dirk Müller-Remus von auticon).

Umgekehrt profitieren auch die Asperger-Autisten von der Tätigkeit in einem Unternehmen, zum Beispiel, wenn es um soziale Konventionen geht, die ihnen eigentlich unangenehm sind: So waren Nyelete S. Goncalves Chilenge und Marcel Drabben positiv überrascht, als der IT-Consultant ihnen bei der ersten Begrüßung freundlich die Hand entgegen streckte – ein Ritual, das Asperger-Autisten normalerweise nicht mögen. Der IT-Consultant hatte es sich inzwischen angeeignet.

Interview mit Dirk Müller-Remus von auticon
„Asperger sind oftmals überdurchschnittlich begabt“
Dirk Müller-Remus, Gründer von auticon.

one: Was genau bedeutet „Menschen im Autismus-Spektrum“ und welche Form des Autismus ist für IT-Berufe besonders relevant?
Dirk Müller-Remus: Menschen im Autismus-Spektrum nehmen die Welt anders wahr als Nicht-Autisten. Letztere filtern ihre Umgebung gewissermaßen nach der Methode „Top-Down“, das heißt nur scheinbar relevante Informationen werden zur Entscheidungsfindung herbeigezogen. Menschen im Autismus-Spektrum hingegen treffen Entscheidungen „Bottom-Up“ - sie sammeln alle verfügbaren Informationen zu einem Sachverhalt, um sinnvolle Schlüsse zu ziehen und hintergründige Muster zu erkennen. Das Ergebnis: Manchmal braucht dieser Weg etwas länger, aber die Ergebnisse sind hundertprozentig und oftmals finden Menschen im Autismus-Spektrum so innovative und effizientere Lösungswege. Sie sind Querdenker mit System. Praktisch zeigt sich diese unterschiedliche Wahrnehmung darin, dass Menschen im Autismus-Spektrum teilweise sehr reizempfindlich sind – nicht die kleinste Nuance zum Beispiel in einem Stimmen-Wirr-Warr entgeht ihnen.

Insbesondere Asperger-Autismus, eine leichte Form, ist im IT-Bereich relevant: Asperger sind oftmals überdurchschnittlich begabt. Zudem bringen sie meist ein Spezialinteresse mit, in dem sie enormes Expertenwissen vorweisen. Sie beschäftigen sich mit dieser Thematik stundenlang, hochkonzentriert. Wenn dieses Spezialinteresse im IT-Bereich liegt wie bei unseren Kollegen, ist das die optimale Kombination: Hohe Begabung plus Spezialinteresse.

one: Welche Fähigkeiten haben Asperger, die sie für die IT so interessant machen?
Dirk Müller-Remus: Menschen im Autismus-Spektrum sind besonders stark, wenn es um Qualitätssicherung und -management geht. So erkennen sie die kleinsten Fehler, beispielsweise im Quellcode. Zudem bringen viele die beeindruckende Fähigkeit der Mustererkennung mit, das heißt, aus riesigen, scheinbar unzusammenhängenden Datenmengen, logische Schlüsse zu ziehen. Und Menschen im Autismus-Spektrum sind verdammt ehrlich! Diese Fähigkeiten machen sie zu wertvollen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen beispielsweise im Testing, im Bereich Data Intelligence oder im Bereich Compliance.

one: In welchen IT-Bereichen werden Autisten am häufigsten eingesetzt?
Dirk Müller-Remus: Unsere Kollegen arbeiten derzeit insbesondere im Testing und Quality Management und in der Transformation und Migration von großen Datenmengen. Hier ist ihre besondere Genauigkeit gefragt. Doch auch im Programmieren und beim Optimieren von Codes haben unsere Leute ihre Stärken. Weitere Felder, in denen Autisten sehr gut einsetzbar sind und herausragende Arbeitsergebnisse liefern, sind die Bereiche Data Intelligence, Security und Compliance und Reporting.

one: Wie ist die Idee zustande gekommen, eine Agentur zu gründen, die sich auf die Vermittlung von Autisten spezialisiert?
Dirk Müller-Remus: auticon agiert als klassisches Beratungsunternehmen mit besonderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Aus diesem Grund sind wir als GmbH aktiv. Unsere Kollegen setzen wir projektbezogen bei unseren Kunden ein – wir agieren jedoch nicht als „Vermittlung“. Unserer Mitarbeiter sind bei uns angestellt.

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