
Außerhalb von Dokumentationen scheint die Natur in all ihrer Schönheit und Unerbittlichkeit im Kino nur selten eine Rolle zu spielen. Die Ausnahme bilden zwei Regisseurinnen, deren emotionale und unangestrengt lehrreiche Filme dem Kinojahr 2026 zu einem außergewöhnlichen Auftakt verhelfen. Zum einen ist da Ildikó Enyedi, die in „Silent Friend“ einen uralten Ginko-Baum zum Zentrum der Betrachtung macht. Zum anderen hat sich Chloé Zhao in „Hamnet“ das Leben der Familie Shakespeare genauer angeschaut. In „Das tiefste Blau“ im brasilianischen Amazonasgebiet taucht die 77jährige Tereza ab.
© Pandora Film
Bäume können um ein Vielfaches älter werden als ein Mensch – wenn man sie lässt. Der Titelheld in Ildikó Enyedis Naturdrama „Silent Friend“ ist ein massiver Ginko auf dem Universitätsgelände in Marburg. Dort wird er zum Schirmherrn, Beobachtungsobjekt und eben auch Freund von zwei Wissenschaftlern und einer Botanikerin auf drei verschiedenen Zeitebenen.
„Silent Friend“ ist slow watching von seiner besten Seite: meditative Szenerien, spannende Einblicke und ausdrucksstarke Schauspieler von Rang, darunter mit Luna Wedler eine beim Filmfest in Venedig frisch gekürte Neuentdeckung.
Ildikó Enyedi
Schon ihr Debüt, „Mein 20. Jahrhundert“, gewinnt 1989 die Goldene Kamera als bester Nachwuchsfilm in Cannes. Danach ist die 1955 in Budapest geborene Autorin und Regisseurin Ildikó Enyedi mit ihren Filmen Dauergast auf den großen Festivals. Ihre freie Interpretation der Oper „Der Freischütz“ (1994) läuft in Venedig. Ihr biblisch angehauchter Krimi „Simon, der Magier“ (1999) wird in Locarno gezeigt. Und mit der stillen Liebeskomödie „Körper und Seele“ gewinnt Enyedi 2017 den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele.
Filmgenre: Naturdrama
Länge: 146 Minuten
Regie: Ildikó Enyedi
Mit: Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Léa Seydoux
Altersfreigabe: ab 6
Verleih: Pandora Filmverleih
Start: 15.1.2026
© UPI
“Sein oder Nichtsein“ sind die ersten Worte des berühmtesten Theater-Monologs, in dem sich Prinz Hamlet über den Zustand des Tot-seins Gedanken macht. In Chloé Zhaos Filmadaption von Maggie O’Farrells Roman „Hamnet“ ist er das Herzstück in der Geschichte des ungleichen Paares Agnes und William Shakespeare. Die spirituelle Gutsherren-Tochter und der umtriebige Poet verlieren ihren 10-jährigen Sohn an die Pest. Die Trauerarbeit leistet jeder für sich, wobei Jessie Buckley als Agnes die tief emotionale Tour de Force einer Mutter durchlebt.
Chloé Zhao
Mit zwei dokumentarisch anmutenden Dramen legt die 1982 in Peking geborene Chloé Zhao das Fundament für ihre Karriere als Regisseurin. „Songs My Brothers Taught Me“ (2015) und „The Rider“ (2017) erzählen ihre Geschichten vor Ort im Lakota Sioux Reservat in South Dakota. Weltberühmtheit erlangt ihr natürlicher Filmstil mit dem Drama „Nomandland“, das 2021 den Oscar als bester Film, für die beste Regie und die beste Hauptdarstellerin (Frances McDermand) gewinnt. Nach einem Abstecher ins Marvel-Universum mit „Eternals“ (2021) ist Zhao für „Hamnet“ zu ihrem ursprünglichen Stil zurückgekehrt.
Filmgenre: Tragödie
Länge: 125 Minuten
Regie: Chloé Zhao
Mit: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe
Altersfreigabe: ab 12
Verleih: Universal Pictures Germany
Start: 22.1.2026
© Alamode Film
„Das tiefste Blau“ beginnt mit einer Utopie von orwellschen Ausmaßen: Ab sofort gilt in Brasilien die umfassende Pflege von Rentnern als oberste Staatspflicht. De facto aber bedeutet sie die Umsiedlung aller alten Menschen in eine Kolonie tief im Regenwald. Die 77jährige Tereza aber denkt nicht dran, sich bevormunden zu lassen und nimmt Reißaus.
Regisseur Gabriel Mascaro hat daraus einen launigen Roadtrip zu Wasser, zu Land und per Psychodroge gemacht, der für nichts weniger als das Recht auf Selbstbestimmung bis ins hohe Alter plädiert. Der Jury diesjährigen Berlinale zeichnete das mit dem Großen Preis in Gestalt eines Silbernen Bären aus.
Genre: Road Movie, Komödie
Länge: ca 90 min
Regie: Gabriel Mascaro
Mit: Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socarrás, Adanilo Reis
Altersfreigabe: ab 6
Erhältlich: Prime Video, AppleTV oder im Handel als DVD
Ab: 22.1.2026
© Autoscopia Interactive
Was geht verloren? Was kommt wieder zum Vorschein? Alzheimer Demenz und ihre Auswirkung auf das menschliche Gehirn ist so individuell wie der Mensch, der an Alzheimer erkrankt. Dennoch gibt es Muster, etwa der zunehmende Verlust des Zeitgefühls oder das Erinnern an lang vergangene Situationen als wären sie gestern passiert. Mehr als ein Spiel ist das in der Kopenhagener Gameschmiede Autoscopia Interactive entwickelte „As Long As You’re Here“ eine Erfahrung. Wie fühlt sich das Leben mit Alzheimer an? Nicht nur, aber vor allem Angehörigen von Betroffenen können dabei viel lernen.
Art: point-and-click Abenteuer
Entwickler: Autoscopia Interactive
Für: ab Windows 10
Adresse: aslongasyourehere.com









