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ArticleId: 545magazineOdana ist 13 Jahre alt und schuftet in einem fremden Haushalt. Ihr Tag ist geprägt von Arbeit und menschlicher Härte. Ein Hoffnungsschimmer für das tapfere Mädchen: wenn sie zum Unterricht bei Madame Jacques gehen darf.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/6/7/csm_Haiti_Lehrer_Portraets_0715_mgt_standard_3d85db3160.jpg„Mein 14-Stunden-Arbeitstag“Ein Kind aus Haiti erzählt
Mädchen beim Wasserholen in Port-au-Prince
Verantwortung
REWE Group
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Restavèk-Kind Odana aus Haiti:
Mein 14-Stunden-Arbeitstag

Odana* ist 13 Jahre alt und ein Restavèk-Kind: In Port-au-Prince muss sie den ganzen Tag in einem fremden Haushalt schuften. In one schildert sie einen Tag - geprägt von harter, körperlicher Arbeit und menschlicher Härte. Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer für das tapfere Mädchen - immer dann, wenn Odana zum Unterricht bei Madame Jacques gehen darf.

„Ich heiße Odana und bin 13 Jahre alt. Seit sechs Jahren bin ich ein Restavèk – das bedeutet, ich wohne und arbeite bei fremden Leuten im Haushalt, bekomme dafür aber kein Geld. Ich komme aus dem Dorf Papaye. Meine Eltern sind schon früh gestorben; Verwandte, die selbst sehr arm waren, haben sich um mich gekümmert. Als ich sechs Jahre alt war, kam ein fremder Mann ins Dorf. Er hat versprochen, mich zu einer Familie in der Hauptstadt Port-au-Prince zu bringen; die würde gut für mich sorgen. Ich müsste ihr dafür „nur ein bisschen“ im Haushalt helfen...

Und so sieht mein Tag aus:

5.30 Uhr
Aua! Ich schrecke aus dem Schlaf hoch – die Tante hat mich wieder mal am Ohr gezogen, um mich zu wecken. Während sie sich wieder hinlegt, beginnt für mich der Arbeitstag. Ich bin soooo müde... Aber ich muss Wasser holen, damit die Familie sich später waschen und ich kochen und putzen kann. Verschlafen krieche ich aus der Hütte. Draußen ist es noch dunkel und angenehm kühl. Die Bewohner der Stadt schlafen fast alle noch. Nur die Restavéks sind schon unterwegs. Ich schnappe mir zwei Eimer und mache mich auf den Weg zur öffentlichen Wasserstelle. Sie ist zum Glück nur 200 m entfernt. Ich muss die Strecke nämlich dreimal hin- und zurückgehen, weil wir bis mittags sechs Eimer Wasser brauchen. In einen Eimer passen zehn Liter. Habt ihr schon mal so schwere Eimer geschleppt? Zwischendurch muss ich sie ein paar Mal absetzen, um zu verschnaufen – aber nur kurz, denn ich hab’ noch eine Menge zu tun. Und wenn ich nicht pünktlich fertig bin, kriege ich Ärger. Beim dritten Gang tut mir der Rücken weh. Außerdem knurrt mein Magen. Aber Frühstück bekomme ich erst, wenn die Familie gegessen hat.

6.30 Uhr
Die Sonne ist mittlerweile aufgegangen – puuh, es wird direkt wieder heiß. Ich fege die Treppenstufen vor der Hütte mit ein paar Zweigen - einen Besen gibt es nicht. Mit etwas Wasser und einem alten Lappen schrubbe ich hinterher. Geschafft – alles sauber! Ich mache Feuer, setze Kaffeewasser auf und koche Maisbrei. Könnt ihr euch vorstellen, wie schwer das ist, wenn man Hunger hat und nichts davon probieren darf? Die Tante würde sofort merken, wenn etwas Mais fehlt.

7 Uhr
Tante, Onkel und Fenelon stehen auf, waschen sich, und setzen sich an den klapprigen Tisch, den ich gedeckt habe. Ich kann es kaum abwarten, dass sie endlich fertig gegessen haben, damit ich auch frühstücken kann. Mir ist schon ganz schwindelig vor Hunger! Die Familie ist – endlich! - fertig mit Frühstücken. Ich kratze die Schüssel mit dem Maisbrei aus. Lecker! Viel ist es ja nicht, was sie mir übrig gelassen haben, aber das kenne ich schon. Nach dem Essen wasche ich das Geschirr ab. Fenelon legt sich wieder aufs Bett. Sie hat noch nie gefragt, ob sie mir helfen soll bei der Hausarbeit. Die Tante macht sich fertig, um auf den Markt zu gehen. Seit dem Erdbeben hat kaum jemand hier eine feste Arbeit. Die Tante verkauft Seife, Kerzen und Öl, um ein bisschen Geld zu verdienen. Der Onkel hängt den ganzen Tag nur rum. Ich räume das Zelt auf, fege den Boden und wische alles feucht ab.

9 Uhr
Fenelon und ich gehen zum Markt. Es ist wieder ein unglaublich heißer Tag. Und ich bin so müde... Heute müssen wir unter anderem Kohle kaufen. Ich muss die schweren Säcke schleppen. Obwohl Fenelon manchmal so gemein zu mir ist, nimmt sie mich ab und zu an der Hand oder legt den Arm um mich. Dann denke ich daran, wie meine Mutter mich umarmt hat; das macht mich traurig und ich muss aufpassen, dass ich nicht weine. Ich vermisse meine Familie so sehr.

10 Uhr
Zurück zu Hause ermahnt mich die Tante, die Wäsche nicht zu vergessen. In Haiti ist es so heiß, die Leute schwitzen so viel, dass man jeden Tag die Kleider waschen muss. Mist, wir haben nicht mehr genug Wasser, die Eimer sind fast leer. Also gehe ich mit zwei Eimern wieder los zur Wasserstelle. Bei der Hitze macht mir die Schlepperei noch mehr zu schaffen als morgens in der kühlen Luft. Wieder zurück stopfe ich ein paar Kleider in eine große Schüssel mit Wasser und fange an, sie zu kneten und zu wringen.

12 Uhr
Fertig! Die frisch gewaschenen Sachen hängen ordentlich aufgereiht an einem Draht, der zwischen unserer und der Nachbarhütte gespannt ist. Ich setze mich auf die Treppenstufen, um auszuruhen. Aber schon guckt die Tante aus der Hütte und scheucht mich hoch – ich muss Mittagessen kochen! Ich mache Feuer, setze schon mal Wasser auf, reibe Maniok und zerkleinere mit einem Stampfer Zwiebeln, Süßkartoffeln und Gemüse. Es ist schrecklich heiß! Da es zu gefährlich ist, muss ich draußen kochen. Die Sonne brennt, es sind über 40 Grad, und ich bin schweißgebadet. Die Familie setzt sich an den Tisch und lässt sich bedienen. Die Tante ist heute gut drauf – sie findet, dass ich gut gekocht habe! Alle bekommen einen vollen Teller zu essen, ich nur eine kleine Portion.

14 Uhr
Nach dem Essen wartet schon wieder Arbeit auf mich: Abwaschen, Aufräumen, Fegen, Wischen. Doch dann habe ich endlich Pause! Zwei Stunden lang hab ich jetzt frei. Ich renne rüber zu Madame Jacques, die uns Restavèk-Kinder jeden Nachmittag in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Auch Schneidern bringt sie uns bei. Sie gehört zum Team des Kindernothilfe-Projektes. Sie verteilt ein dünnes Lesebuch auf Kreole. Lesen ist mein absolutes Lieblingsfach. Ich würde später gern Krankenschwester werden. Aber dazu müsste ich auf eine richtige Schule gehen. Madame Jacques wird mir bestimmt dabei helfen.

17 Uhr
Kaum bin ich aus der Schule zurück, muss ich mich ums Abendessen kümmern. Anschließend wollen sich die Tante und Fenelon waschen - das bedeutet, ich muss noch ein letztes Mal los, um Wasser zu holen. Zum Abendessen koche ich Reis mit Gemüse. Dann noch ein letztes Mal für heute Abwaschen und Wegräumen. Ich bin total erledigt. Hoffentlich ist dieser Tag bald zu Ende!

20 Uhr
Die Sonne ist untergegangen, aber es ist immer noch heiß. Familie Rosline sitzt mit Freunden vor der Hütte. Ich gehe zu meiner Freundin Marthe, die für die Familie im Nachbarhütte arbeitet rüber. Wir sprechen darüber, dass wir eines Tages nicht mehr als Restavèks schuften müssen, sondern zur Schule gehen und spielen können wie andere Kinder.

22 Uhr
Familie Rosline ist in der Hütte verschwunden. Die drei teilen sich das einzige Bett. Tschüs Marthe! Ich muss jetzt auch schlafen, sonst packe ich morgen das frühe Aufstehen nicht. Mein Bett ist ein Stück Pappe auf dem Boden in der Hütte. Ob ich wohl irgendwann mal wieder in einem richtigen Bett schlafen kann? Gute Nacht! Ich freue mich schon auf die beiden Stunden in Madame Jaques Schule!“

*Name geändert

Kindernothilfe-Expertin Michaela Gerritzen im Interview
„Begegnungen mit den Kindern
sind meine größte Motivation“
Haiti-Referentin Michaela Gerritzen im one_Interview über die Projekte der Kindernothilfe in Haiti, kleine Hoffnungsschimmer inmitten der Katastrophe und bewegende Begegnungen mit Kindern, die Gewalt und Ausbeutung trotzen und für ein besseres Leben kämpfen.

one: Frau Gerritzen, wie lange ist die Kindernothilfe schon in Haiti aktiv und in welchen Projekten engagiert sie sich dort?
Michaela Gerritzen: Die Kindernothilfe ist seit 1977 in Haiti tätig. Vor dem verheerenden Erdbeben vom Januar 2010 war das Länderprogramm mit fünf Projekten recht klein. Inzwischen unterstützen wir in Haiti 15 Projekte und erreichen hierüber rund 18.000 Kinder und Jugendliche. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Verbesserung der Bildungssituation: Wir möchten möglichst vielen Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen. Da in der haitianischen Gesellschaft innerfamiliäre Gewalt leider alltäglich ist, ist uns auch der Kindesschutz besonders wichtig.

one: Eine der größten Herausforderungen in Haiti ist die Situation der Restavek-Kinder. An den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen kann man von außen nichts ändern. Wie kann eine Hilfsorganisation wie die Kindernothilfe dennoch dazu beitragen, das Leben dieser Kinder zu verbessern?
Michaela Gerritzen: Die meisten Restavek-Kinder werden aufgrund ihres Alters oft nicht mehr in der Grundschule aufgenommen oder sie können dem Unterricht nicht folgen, weil sie müde und unkonzentriert sind. Kein Wunder, denn in den Familien arbeiten sie von früh morgens bis zum späten Abend. In den Projekten erhalten sie die Möglichkeit, den Unterricht nachzuholen und man geht hier auf ihre besonderen Bedürfnisse ein.

Darüber hinaus arbeiten die Projektverantwortlichen kontinuierlich mit den Familien, in denen die Kinder arbeiten. In einem Projekt kommen einige Restavek-Kinder nun mit den Geschwistern aus der Familie zusammen zur Schule. Ich finde, dies ist eine gute Lösung!

one: Welche Projekte unterstützt die Kindernothilfe – über die mit der REWE Group gebaute Schule hinaus?
Michaela Gerritzen: Wir halten es für sehr wichtig, dass die veralteten Unterrichtsmethoden, die nach wie vor in Haiti vorherrschen, verbessert werden. Aus diesem Grund unterstützen wir ein Fortbildungsprogramm für Lehrer unserer Partnerorganisation AMURT. Über dieses Programm werden die Lehrer der Projekte weitergebildet, sie erlernen neue Unterrichtsmethoden und können sie in Lernmodulen anwenden. Ich weiß von meinen Besuchen in Haiti, dass nun die Lehrer und die Kinder viel mehr Spaß am Unterricht haben. Es gibt keinen Frontalunterricht mehr, sondern es wird gesungen, gemalt, musiziert und spielerisch gelernt.

one: Was bedeutet es für die Kindernothilfe, einen Partner wie die REWE Group an der Seite zu haben?
Michaela Gerritzen: Für mich ist es ein schönes Gefühl zu wissen, dass es hier in Deutschland mit der REWE Group einen Partner gibt, dem die Kinder in Haiti am Herzen liegen.

Und umgekehrt erlebe ich es genau so: Wenn ich im Collège Véréna zu Besuch bin, kommt immer wieder auch das tolle Engagement der REWE Group zur Sprache. Die Kinder mögen den Spruch „Merci Rewe“, sie singen ihn im Chor und freuen sich, dass jemand im fernen Deutschland an sie denkt und sich für sie einsetzt. Sie lieben ihre neue Schule! Für die Kindernothilfe ist eine solche Kooperation, getragen von Engagement, Vertrauen und Herzlichkeit, von großer Bedeutung.

one: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie selbst vor Ort sehen, was Ihre Arbeit bewirkt?
Michaela Gerritzen: Bei meiner letzten Reise habe ich einen 14-jährigen Jungen in einem Projekt getroffen, der als Restavek-Kind in einer Familie arbeitet und auf der Straße lebt. Er hat mich in ganz besonderer Weise gerührt: Er hat eine starke Lernbehinderung, und hat zeitglich den ungeheuren Willen, etwas aus seinem Leben zu machen. In der kleinen Schule des Projektes Tokyo hat er die Grundschule abgeschlossen und hat dort gelernt, Sandalen aus Autoreifen herzustellen. Nun möchte er eine Ausbildung machen. Als er mir zum Abschied selbstgemachte Sandalen geschenkt hat, war ich zu Tränen gerührt. Ich bin sicher, dieser junge Mann wird seinen Weg gehen! Solche schönen Begegnungen motivieren mich sehr in meiner Arbeit.

Michaela Gerritzen ist Haiti-Referentin bei der Kindernothilfe. Sie war schon bei Ihrer ersten Reise nach Haiti sofort faszinziert von dem Land und der Ruhe und Zuversicht, die die Menschen trotz der Katastrophe dort ausstrahlen.

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