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Foto: ©GettyImage/Eoneren
Lesedauer: 7 Minuten
Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz
„Die Akzeptanz war der erste Schritt raus aus dem Burnout"
von Bettina Rees

Burnout entsteht selten von heute auf morgen. Im Interview berichtet Lekkerland-Kollegin Linda Lange von ihrem eigenen Burnout, den Warnsignalen und dem langen Weg zurück zu mehr Energie und Lebensfreude – und wie sie auf diesem Weg dauerhaft bleibt. Außerdem erklärt sie, wie Kolleg:innen und Führungskräfte Betroffene unterstützen können.   

Dauerhafte Erschöpfung, fehlende Lebensfreude, zunehmende Reizbarkeit: Die Warnsignale eines Burnouts waren bei Linda Lange längst da. Doch wie bei vielen Betroffenen schlichen sie sich über Jahre in den Alltag ein und blieben deshalb lange unerkannt.  

Im Gespräch blickt die Lekkerland-Kollegin offen auf ihre eigene Burnout-Erfahrung zurück. Sie erzählt, warum es so schwer war, sich den eigenen Zustand einzugestehen, welcher Moment schließlich die Wende brachte und was ihr auf dem Weg zurück geholfen hat. Außerdem berichtet sie, welche Rolle Glaubenssätze und persönliche Muster dabei spielten und wie sie heute auf ihre mentale Gesundheit achtet.  

Darüber hinaus gibt sie Einblicke, wie Kolleg:innen und Führungskräfte Betroffene unterstützen können, warum ein offenes Gespräch oft der erste Schritt ist und weshalb die Verantwortung für die eigene Gesundheit dennoch nicht vollständig bei anderen liegen kann.  

Was bedeutet Burnout? 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt Burnout als ein Syndrom, das durch chronischen Stress am Arbeitsplatz entsteht, der nicht erfolgreich bewältigt wird. Burnout ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein arbeitsbezogenes Phänomen. Der Begriff wird ausschließlich im beruflichen Kontext verwendet.  

Typische Merkmale sind:  

  • starke Erschöpfung, 
  • eine zunehmende innere Distanz zur Arbeit, 
  • das Gefühl verminderter beruflicher Leistungsfähigkeit.  

Wie viele Menschen betroffen sind, lässt sich nicht genau bestimmen. Die AOK verzeichnete 2023 rund 186.000 Beschäftigte mit einer Burnout-bedingten Krankschreibung. Gleichzeitig berichtete 2020 etwa jede vierte erwerbstätige Person von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz.   

Quellen: WHO, AOK, Statistisches Bundesamt  

Zum Welttag der psychischen Gesundheit
Interview mit Linda Lange

Linda Lange  ist Manager People Compensation & Benefits bei Lekkerland und systemischer Coach.   | Foto @privat one: Linda, du hattest vor etwa fünf Jahren ein Burnout. Welche Anzeichen gab es dafür?  

Linda Lange: Ich war dauerhaft erschöpft. Selbst nach acht oder neun Stunden Schlaf fühlte ich mich nicht erholt. Mit der Erschöpfung schwand auch meine Lebensfreude. Ich konnte schlecht abschalten und war schnell reizbar.  

one: Warum war es so schwer, diese Warnsignale zeitig zu erkennen?  

Linda Lange: Burnout bildet sich über Jahre, manchmal über Jahrzehnte hinweg. Die schleichende Erschöpfung und die immer raschere Reizbarkeit gehörten irgendwann zu meinem normalen Leben. Das ist bei vielen Betroffenen das Problem: Sie nehmen die Signale nicht mehr als solche wahr, weil sie zum Alltag geworden sind. Man gewöhnt sich daran, sich über nichts mehr zu freuen.

Bei mir kam hinzu: Für meine damalige Firma arbeitete ich ausschließlich im Homeoffice, mein Boss hatte seinen Sitz in den USA. So konnte ich meine Lage länger vor mir und anderen verstecken.  

one: Burnout „schleicht“ sich also an. Und wenn es so weit ist, helfen auch keine Präventionsangebote? 

Linda Lange: Angebote und Vorschläge wie „Mach eine Pause, sag Nein zu Mehrarbeit, geh im Wald spazieren“ sind gut gemeint und helfen bis zu einem bestimmten Punkt sicherlich dabei, nicht weiter abzugleiten. Aber wenn man mitten im Burnout steckt, wirken sie nicht mehr. Dann braucht es etwas anderes. 

„Man gewöhnt sich mit der Zeit daran, sich über nichts mehr zu freuen.“ Linda Lange

one: Was braucht es dann?  

Linda Lange: Die Erkenntnis, dass man a) im Burnout ist und b) akzeptiert, dass man sich Hilfe holen und etwas ändern sollte. Waldspaziergänge helfen dann nicht mehr. Wenn ich damals solche Tipps bekam, hat mich das sogar eher verärgert.  

one: Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Ich habe ein Burnout?  

Linda Lange: Das Wort geisterte sicher schon einige Zeit in meinem Kopf herum. Der eigentliche Klick kam, als mein Mann sagte: „Linda, du bist im Burnout. So geht es nicht mehr weiter.“ Das war einer von den Tagen, an denen ich vor Wut in meinen PC geheult habe, weil etwas nicht funktionierte. Das ist auch ein Burnout-Signal: Aus kleinen Problemen werden plötzlich riesige.  

Als ich dann beim Arzt saß, konnte ich nur noch weinen. Ich hatte akzeptiert, dass etwas nicht stimmt. Und diese Akzeptanz war der erste Schritt auf dem Weg zur Erholung.  

one: Warum ist es so schwierig, ein Burnout zu akzeptieren?  

Linda Lange: Bei mir persönlich war es die Angst. Was bedeutet das für mich? Wer bin ich mit Burnout? Und was bedeutet es für meine Zukunft? Jede:r von uns hat ein Selbstbild. Ich war ein karrieregetriebener Mensch, hatte eine Führungsposition, der Job war meine Nummer eins im Leben. Ich wollte Anerkennung. Mir einzugestehen, dass ich nicht mehr wie gewohnt funktioniere, machte mir Angst. Angst vor der Ungewissheit: Was passiert, wenn ich meinen Zustand akzeptiere? Also habe ich ihn ignoriert und versucht, weiterzumachen.   

one: Warum war diese Akzeptanz so wichtig?  

Linda Lange: Sie ist der Knackpunkt. Sie half mir, mein Leben von außen anzuschauen und mir einzugestehen: Es geht nicht mehr. Es muss etwas geschehen.  

one: Was hast du ab diesem Moment getan?  

Linda Lange: Das ist sicher bei allen Betroffenen anders. Bei mir war es so: Ich war insgesamt sechs Wochen krankgeschrieben. Die ersten zwei Wochen war ich zu Hause und habe nichts gemacht, bis ich gemerkt habe: Dadurch ändert sich nichts.  

Also habe ich mich für eine Woche in ein Hotel außerhalb von Köln eingebucht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits eine Coaching-Ausbildung absolviert und mich mit Meditation beschäftigt. Ich war allein, habe meditiert, reflektiert und mich intensiv mit meinen eigenen Mustern beschäftigt. Dabei habe ich viele Erkenntnisse gewonnen und Glaubenssätze hinterfragt, die mich geprägt haben.  

 Als ich nach sechs Wochen zurück zur Arbeit kam, hatte ich mich verändert. Ich hatte wieder mehr Energie und Freude - und vor allem wusste ich, wie ich künftig besser auf mich aufpassen kann.  

one: Welche Unterstützung hat dir auf deinem Weg geholfen?  

Linda Lange: Für mich war es richtig, mich allein damit auseinanderzusetzen. Anderen hilft es vielleicht, sich mit Begleitung anzuschauen, welche Glaubenssätze und Gewohnheiten zum Burnout geführt haben. Therapie ist ein Weg. Hier haben wir bei der REWE GROUP Angebote wie MyMentalHealthCoach (siehe Infokasten). Coaching ist ebenfalls hilfreich.  

Mein Tipp: Sucht euch Unterstützung und schaut, welche Glaubenssätze euch ins Burnout gebracht haben. Das ist in meinen Augen der Weg hinaus.  

one: Welche Rolle spielen diese Glaubenssätze?  

Linda Lange: Eine große Rolle. Dabei geht es nicht um Schuld, sondern um die Muster, die uns geprägt haben. Bei mir waren das zum Beispiel Glaubenssätze wie: Ich muss mehr arbeiten, um mehr zu erreichen. Ich muss es allen recht machen. Ich bin für ein harmonisches Betriebsklima verantwortlich. Also übernehme ich mehr Aufgaben, als ich stemmen kann.  

Natürlich spielen auch die Arbeit und das Umfeld eine Rolle. Aber wenn man die eigenen Muster besser versteht, kann man lernen, anders darauf zu reagieren. Und deshalb ist eine Kündigung nicht automatisch die Lösung. Man nimmt ja sich selbst immer mit, auch in den nächsten Job. 

„Mir einzugestehen, dass ich nicht mehr wie gewohnt funktioniere, machte mir Angst. “ Linda Lange

one: Wie können Kolleg:innen und Führungskräfte helfen?  

Linda Lange: Veränderungen wahrnehmen. Und sie ansprechen. Das Gespräch sollte unter vier Augen in einer ruhigen Situation stattfinden, nicht mitten im Stress. Dabei geht es nicht darum zu sagen: „Ich glaube, du hast ein Burnout, du solltest etwas tun.“ Viel wichtiger ist es, Interesse zu zeigen und ins Gespräch zu kommen.  

Und nicht zu erwarten, dass ein einziges Gespräch sofort etwas verändert. Oft braucht es Zeit, Geduld und mehrere Anläufe. Entscheidend ist, dass der oder die Betroffene spürt: Wir unterstützen dich. Offenheit hat keine negativen Konsequenzen.  

one: Warum ist das so wichtig?  

Linda Lange: Weil sonst schnell Existenzängste entstehen. Wenn Menschen befürchten, dass Offenheit ihre Karriere oder ihren Job gefährdet, wird es noch schwieriger, Hilfe anzunehmen.  

one: Hätte deine Führungskraft damals etwas anders machen können?  

Linda Lange: In meiner damaligen Situation wahrscheinlich nicht viel. Heute, bei Lekkerland, arbeite ich anders. Ich bin regelmäßig im Büro, habe ein Vertrauensverhältnis zu meiner Vorgesetzten und könnte Veränderungen offen ansprechen. Umgekehrt würde sie vermutlich auch bemerken, wenn es mir nicht gut geht.  

Aber: Führungskräfte können unterstützen. Verhindern können sie ein Burnout nicht. Hier sehe ich ganz klar mich selbst in der Verantwortung.  

one: Wie sorgst du heute dafür, nicht erneut in ein Burnout zu geraten?  

Linda Lange: Selbstreflexion ist das A und O. Ich kenne heute meine Warnsignale deutlich besser. Regelmäßig frage ich mich: Genieße ich mein Leben noch? Habe ich in den vergangenen Wochen Momente erlebt, die mir Freude gemacht haben? Und habe ich diese Freude tatsächlich gespürt? Wenn ich merke, dass Lustlosigkeit oder Erschöpfung zunehmen, schaue ich hin und frage mich, was dahintersteckt. Dann habe ich meine Methoden, damit umzugehen.  

Für mich sind Journaling und Meditation wichtige Werkzeuge, also Tagebuch schreiben, in die Stille kommen und mir bewusst Zeit zur Reflexion nehmen. Andere erarbeiten sich ihre Methoden gemeinsam mit einem Coach.  

„Eine Kündigung ist nicht immer die Lösung. Man nimmt sich selbst ja immer mit.“ Linda Lange

one: Wie sicher ist man vor einem neuerlichen Burnout?  

Linda Lange: Ob man zum Burnout neigt, hat vor allem etwas mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Wer einmal ein Burnout hatte, weiß: Man muss aufmerksam bleiben, damit man die Warnsignale frühzeitig erkennt und gegensteuern kann.  

Meine Persönlichkeit habe ich nicht verändert, aber meinen Umgang mit mir. Denn es war schlimm, wie mein Leben damals aussah. Deshalb schaue ich heute besser auf mich und auf mein Leben.  

Hilfe für Mitarbeitende: Vertraulich, verlässlich, vielseitig 

Unter dem Sammelbegriff MENTAL HEALTH@REWE GROUP findet ihr alle Angebote, mit der die REWE GROUP die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden unterstützen will. Zu diesen Angeboten gehört die vertrauliche Hilfe von Kolleg:innen für Kolleg:innen durch die LoS!-Multiplikator:innen, die Unterstützung durch die betrieblichen Suchtbeauftragten, die psychosoziale Beratung mittels ausgebildeter Psycholog:innen sowie die Vermittlung zur passenden Therapie (Mein MentalHealthCoach).  

  Alle REWE GROUP-Angebote rund um mentale Gesundheit finden sich:  

  • im Intranet deiner Geschäftseinheit (in inside z.B. unter Gesundheit und Soziales, Lekkerland MoverNet, DERTOUR CoCo) 
  • in deiner Mitarbeitenden-App  (REWE, PENNY, toom) 
  • oder in der Orange bzw. PENNYPedia (REWE, PENNY) 
  • sowie in diesem Video 
  • Betriebliche Gesundheitsförderung Österreich: Gesundheitsförderung  

 Bitte beachte: Die Angebote zur Förderung der mentalen Gesundheit können sich je nach Geschäftseinheit unterscheiden. Informiere dich daher über die für deine Geschäftseinheit geltenden Leistungen, Anlaufstellen und Rahmenbedingungen.  

Mein Kommentar
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Kommentare

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Dominik
vor 4 Stunden und 23 Minuten

Sehr wichtiges Thema.

Stark das öffentlich mit uns zu teilen. Vielen Dank dafür.

Ich selber durfte auch schon zweimal diese Erfahrung machen - bei mir primär durch die falsche Annahme das positiver / konstruktiver Stress auf die Dauer nicht auch zu viel werden kann (und weil ich für 4 gearbeitet habe :P )


Achtet auf Euch und erkennt frühzeitig die Warnsignale. Egal wie wichtig vermeintlich euer Tun ist, ein Komplettausfall (beruflich UND privat) über Wochen, Monate oder sogar Jahre ist es nicht wert!

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