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ArticleId: 1859magazineWarum essen wir so wie wir essen? Ute Meusel, Ernährungstherapeutin und –beraterin, erklärt, wie Elternhaus und Lebensphasen das Ernährungsverhalten beeinflussen und warum Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper wichtig ist.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/a/2/csm_TT_04_02_Ernaehrungstrends_Psychologie_mgt_st_600ae44562.jpg„Über Ernährung lässt sich trefflich streiten“Psychologie des Essens
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Ute Meusel, Ernährungstherapeutin und –beraterin
Psychologie des Essens

„Über Ernährung lässt sich trefflich streiten“

25.04.2018
von Stefan Weber

Warum essen wir so wie wir essen? Ute Meusel, Ernährungstherapeutin und –beraterin, erklärt, wie Elternhaus und Lebensphasen das Ernährungsverhalten beeinflussen und warum Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körper wichtig ist. 

one: Frau Meusel, warum sprechen wir alle so viel übers Essen?
Ute Meusel: Essen ist vielfältig, überall verfügbar und besitzt eine große mediale Aufmerksamkeit. Statt blanker Busen zieren heute Bilder von saftigem Gemüse die Titelblätter. Das zeigt: Gutes Essen ist spannender als nackte Menschen. Ich würde gerne mehr über „artgerechte Ernährung“ diskutieren. 

one: Essen ist in vielen Familien ein Aufregerthema. Eltern hätten gerne, dass sich Kinder vollwertig ernähren. Aber der Sohn wünscht sich täglich Pizza oder Pommes und die Tochter erklärt plötzlich, dass sie sich fortan nur noch vegan ernähren wird.
Ute Meusel: Essen ist eben weit mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Essen wird oft genutzt, um sich sozial abzugrenzen, vor allem von Jugendlichen. Früher brachten sie ihren Protest mit ausgefallenen Klamotten oder wilden Frisuren zum Ausdruck. Das funktioniert heute nicht mehr, weil viele Eltern sehr liberal sind. Aber über Ernährung lässt sich nach wie vor trefflich streiten. Jugendliche nutzen das Essen, um sich von Vater und Mutter abzugrenzen oder sich einer Gruppe von Gleichgesinnten zugehörig zu fühlen. 

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one: … und sich dann einige Jahre später doch bei ihnen zu erkundigen, wie sie dieses oder jenes zubereitet haben oder nach Omas Rezepten zu fragen.
Ute Meusel: Ja, das ist so. Wenn Jugendliche ihre Identität gefunden haben, ist ein Protest über das Essen nicht mehr notwendig. Dann besinnen sich viele darauf, was sie vom Elternhaus mitbekommen haben. Sie kehren zurück zum Vertrauten, sofern das mit positiven Gefühlen belegt ist. Ernährungsverhalten hat viel mit Erziehung zu tun.

one: Viele Familien sitzen nur noch selten gemeinsam am Essenstisch. Es gibt weniger Rituale wie einen gedeckten Tisch oder Gebete vor dem Essen. Was geht da verloren?
Ute Meusel: Achtsamkeit, Dankbarkeit, Gemeinsamkeit. Das Essverhalten ändert sich. Oft geht es nur noch darum, schnell satt zu werden: Man tut sich etwas rein. Das hat mit Mahlzeiten oder gar mit Genuss nichts mehr zu tun. Daran haben aber nicht nur die Eltern Schuld, sondern auch die immer unrhythmischer werdende Lebenswelt im Berufs- und Schulalltag. Für viele Kinder und Jugendliche ist vor allem wichtig, was ihre Freunde essen. Wenn die mit der Chips-Tüte vor dem Fernseher sitzen, setzt sich kein Gleichaltriger mit einer Möhre in der Hand dazu. Wer das macht, ist raus aus der Gruppe.

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one: Wir wissen heute sehr viel über Nahrungsmittel und Ernährung. Und viele Menschen geben sich alle Mühe, beim Essen alles richtig zu machen.
Ute Meusel: Das kann dann schnell zu physischen und psychischen Belastungen führen. Diese so genannten Orthorektiker beschäftigen sich übermäßig mit der Qualität und Menge von Lebensmitteln und legen sich strenge Regeln auf. Sie suchen häufig Stabilität. Wenn vieles in ihrem Leben fraglich ist, so sehen sie im korrekten Essen eine gute Möglichkeit, sich mehrmals am Tag zu beweisen, dass sie alles richtig machen.   

one: Spielt aber  nicht auch Genuss eine immer größere Rolle bei der Ernährung?
Ute Meusel: Ja, aber häufig nur in dem Sinn: Wir bekommen Besuch und da kommt etwas Besonders auf den Tisch. Der Genuss ist anlassbezogen. Nur wenige Menschen horchen in sich hinein und fragen, was tut mir jetzt gut? Es fehlt an Achtsamkeit gegenüber dem Körper und dem Bewusstsein: Das bin ich mir wert – bei allem, was ich mir einverleibe.    

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