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ArticleId: 2479magazineGenossenschaften sind von vorgestern? Von wegen! one stellt vier junge Unternehmen vor, denen Werte wichtiger sind als Profit. Vom Kneipen-Projekt bis zum Musik-Business. Außerdem: Wie Sie in sechs Schritten selbst zum Genossen werden.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/a/3/csm__one_teaser_standard_ecfced66a7.jpgTrink, Genosse!Junge Genossenschaften
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Bar jedes Denkverbots

Trink, Genosse!

13.11.2019
von Achim Bachhausen und Stefan Weber

Genossenschaften sind von vorgestern? Von wegen! one stellt vier junge Unternehmen vor, denen Werte wichtiger sind als Profit. Zum Beispiel die Kölner Trink-Genossen, die überzeugt davon sind, dass die Genossenschaft die einzig wahre demokratische Unternehmensform ist. Ihr Vorhaben: die Gründung einer Bar als Ort der Inspiration und des Austauschs. Schon der Weg dorthin war ein Teil des Ziels. Außerdem: Wie junge Genossen in der Musikbranche, bei Studienkrediten oder in der Software-Entwicklung mitmischen.

Trink-Genosse! Da scheint der Name Programm zu sein, zumal die Eröffnung einer Gaststätte in Köln bevorsteht. Doch ganz so profan wie es klingt, ist es nicht. Tatsächlich greift der Gedanke zu kurz, denn die fröhliche Kneipenkultur ist eher Mittel zum Zweck. Und der war (und ist) die Gründung einer  Genossenschaft. „Während meines Designstudiums bin ich in einem Projekt zum Thema Gentrifizierung auf die Genossenschaften gestoßen und fragte mich, warum es nicht mehr davon gibt“, erzählt Kai Berthold, einer der Gründer von Trink-Genosse. Er bemerkte eine „große Diskrepanz“ zwischen dem Potenzial von Genossenschaften und der öffentlichen Wahrnehmung. Fasziniert von der basisdemokratischen Struktur der Genossenschaften suchten der Studierende und seine Mitstreiter nach einem Geschäftsfeld.

Alle zwei Wochen treffen sich die Trink-Genossen zum offenen Austausch im Plenum, zuletzt Anfang November (Foto: Achim Bachhausen)

Dass es auf eine Kneipe oder Bar hinauslaufen würde, war zunächst überhaupt nicht ausgemacht. Die Entscheidung liegt aber dank der Parallelen nahe: Beide, Genossenschaft und Bar, sind offen für alle Menschen, sind ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Inspiration. „Das Projekt lebt davon, dass sich Menschen begegnen“, sagt Mit-Genossin Louisa Manz.

So dienen die vielfältigen Erfahrungen, die die Unternehmensgründer in den vergangenen vier Jahren gesammelt haben, auch der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Die Anteile an der Genossenschaft sind für Louisa daher bestens angelegt: „Für 250 Euro bekommst Du keine Fortbildung“, hält sie jenen entgegen, die den Betrag für den Anteilsschein für zu hoch halten.
Die junge Frau sieht das Ganze als „Experiment für jedermann und jederfrau“. Und fügt hinzu: „Für die Zukunft ist alles offen, vielleicht kommt ja noch ein ganz anderes Geschäftsmodell.“

„Trink-Genosse ist für mich ein großes Netzwerk an Menschen mit vielfältigen Fähigkeiten, die alle Lust darauf haben, etwas Gemeinsames zu gestalten. Eine verrückte Truppe, die einen Ort erschafft, an dem Menschen sich begegnen, ihre Kreativität leben und immer wieder Neues lernen können.“

Louisa Manz, Mit-Genossin

Doch zunächst gehen die mittlerweile über 100 Trink-Genossen – vom Studenten bis zum Rentner ist fast alles dabei – mit ihrer Bar auf die Zielgerade. Ein Standort konnte nach langer Suche gefunden werden, die Anschubfinanzierung ist mittels Crowdfunding gesichert. Doch bis zur voraussichtlichen Eröffnung im kommenden Februar gilt es noch viele Fragen zu klären: Gibt es Bier oder Wein? Soll das Bier vom Fass kommen oder aus Flaschen? Wie soll die Einrichtung aussehen? Welche Stellen sind zu besetzen? Alles wird im Plenum mit allen diskutiert und beschlossen. Das mag manchmal mühsam sein, am Ende aber tragen alle die getroffenen Entscheidungen mit. Für Mitgründer Jan Buckenmayer geht es dabei auch um die Frage, wie die Demokratisierung von Arbeit aussehen kann. Von wegen Krise der Demokratie? Für die Trink-Genossen ist das kein Thema. 


Bildung unabhängig vom Geldbeutel
Erst studieren, später zahlen

25.000 bis 30.000 Euro – so hoch sind die Studiengebühren an einer privaten Universität beispielsweise für ein Psychologie-Studium. Geld, das viele Studienwillige nicht aufbringen können. Die ChanceneG hat sich zum Ziel gesetzt, talentierten jungen Menschen ihr Wunsch-Studium an einer privaten Hochschule unabhängig vom Geldbeutel zu ermöglichen. Das Modell dazu: der Umgekehrte Generationenvertrag. Dabei übernimmt die Genossenschaft die Studiengebühren für das Studium an einer der aktuell 22 privaten Hochschulen. Die Studierenden zahlen den Betrag nach dem Start ins Berufsleben zurück. Und zwar als festgelegter Prozentsatz ihres Einkommens – und finanzieren somit wieder das Studium der nächsten Generation.

„Das Modell der ChanceneG ist
nachhaltig und fair“ Florian Kollewijn, Gründer und Vorstand der Chancen eG

Über die ChanceneG finanzieren derzeit rund 650 junge Menschen ihre Wunschausbildung. „Der Unterschied gegenüber einem klassischen Studienkredit ist, dass die Studierenden kein Überschuldungsrisiko eingehen. Daher ist unser Modell nachhaltig und fair“, betont Florian Kollewijn, Gründer und Vorstand der ChanceneG.

Warum wählte die ChanceneG bei ihrer Gründung 2016 das Rechtskleid einer eG? „Die genossenschaftliche Rechtsform passte perfekt, denn sie ist traditionell-historisch ebenfalls ein Solidar- und Kooperationsmodell“, erläutert Karsten Kührlings, Abteilungsleiter der GLS Gemeinschaftsbank eG, die das Unternehmen mit auf den Weg gebracht hat.


Software optimieren
Von allen für alle

Ob der Webbrowser „Mozilla Firefox“ oder das Betriebssystem „Linux“ – Open-Source-Software (also Software, die für jeden unentgeltlich zugänglich ist) wird im privaten und gewerblichen Bereich häufig genutzt. Um sie vor allem im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Automatisierungsindustrie stärker zu verbreiten, ist 2006 die OSADL (Open Source Automation Development Lab) in der Rechtsform einer eingetragenen Genossenschaft an den Start gegangen. Vorteile für Mitgliedsunternehmen: Die Entwicklungsleistung wird auf viele Schultern verteilt, teure Parallelentwicklungen werden vermieden und die Entwicklungskosten werden geteilt.

„Wenn man über die adäquate Rechtsform für eine Software-Community nachdenkt, landet man automatisch bei der Genossenschaft.“ Carsten Emde, Geschäftsführer der OSADL

Die Genossenschaft initiiert Entwicklungsaufträge für Open-Source-Projekte, die von der Mehrheit der Mitglieder benötigt beziehungsweise befürwortet werden. Offene vorhandene Software wird so erweitert, dass sie für den Einsatz in der Branche geeignet ist. Kurzum: Gemeinsam wird eine Software entwickelt, von der alle profitieren. 

„Wenn man über die adäquate Rechtsform für eine Software-Community nachdenkt, landet man automatisch bei der Genossenschaft. Der Kommunikationsbedarf ist zwar etwas höher, weil nicht jeder Unternehmer diese Rechtsform kennt. Aber die Vorteile der Genossenschaft sind schnell erklärt – vor allem der einfache Ein- und Austritt, die übersichtliche Risikoabschätzung, die extrem geringe Insolvenzrate sowie die demokratische Struktur“, erläutert Carsten Emde, Geschäftsführer der OSADL.


Musik-Standort stärken
Gemeinsam für „Music made inBerlin“

Wenn es um das große Geld im Musikgeschäft geht, sind Plattenfirmen, Radiosender oder Veranstalter nicht immer einer Meinung. Doch manchmal haben sie ein gemeinsames Interesse – zum Beispiel einen Musikstandort zu stärken. Im September 2007 gründeten 18 mittelständische Berliner Musikfirmen die Berlin Music Comission EG (BMC); inzwischen hat das Bündnis rund 50 Mitglieder. Ihr Ziel: durch Vernetzung der zahlreichen Akteure die Musik-Branche in der Hauptstadt zu repräsentieren und zu fördern. Vor allem sollen die Mitglieder durch enge Kooperation mehr Aufträge erhalten und ihre Kosten senken.

„Die Genossenschaft tritt immer dann in Erscheinung, wenn es ein Unternehmen alleine nicht schafft.“ Olaf Kretschmar, Vorstandsvorsitzender der BMC

Wesentliche Aufgabe der Genossenschaft ist dabei das Marketing für Musikproduktionen, -dienstleistungen oder –veranstaltungen der Netzwerkpartner. Konkrete wirtschaftliche Vorteile lassen sich zum Beispiel durch gemeinsame Messeauftritte im Ausland generieren. Organisation und Logistik solcher Aktionen übernimmt die Genossenschaft. Eine besondere Aufgabe der BMC ist die Interessenvertretung der Berliner Musikwelt gegenüber der Kreditwirtschaft. Regelmäßig bietet BMC Informationsveranstaltungen und Expertenrunden für die Mitglieder an. Dabei werden vor allem Förderprogramme erörtert.

„Die Genossenschaft tritt immer dann in Erscheinung, wenn es ein Unternehmen alleine nicht schafft. Außerdem hat man bei einem gemeinsamen Messe Auftritt eine ganz andere Wahrnehmung“, erläutert Olaf Kretschmar, Vorstandsvorsitzender der BMC. 


Schritt für Schritt zur Genossenschaft

Sie wollen einen Dorfladen gründen, Ihr Schwimmbad retten, ein Wohnprojekt für jung und alt realisieren oder Ihre eigenen Klimaziele verfolgen? Und dafür möchten Sie eine eingetragene Genossenschaft (eG) gründen? Dann brauchen sie nur noch ein Ziel, zwei weitere Mitstreiter, etwas Papierkram und so viel oder wenig Geld wie Sie möchten.

Drei Mitglieder müssen sich zusammentun. Diese können natürliche oder juristische Personen sein. Sie erstellen ein Unternehmenskonzept.

Zunächst setzen Sie eine Satzung auf.

Die erste Generalversammlung der Mitglieder wird einberufen. Sie verabschiedet die schriftlich niedergelegte Satzung. Anschließend bestellt sie den Vorstand und den Aufsichtsrat.

Nun ist eine verpflichtende Gründungsprüfung durchzuführen. Hierzu muss die Genossenschaft einem der regionalen Genossenschaftsverbände beitreten, die für die Prüfung ihrer Mitglieder zuständig sind.

Der Vorstand der Genossenschaft meldet die Genossenschaft nun beim Genossenschaftsregister an. Nicht vergessen, alle Unterlagen vorher beim Notar beglaubigen zu lassen.

Sobald die Genossenschaft in das Register eingetragen wurde und der Registerauszug vorliegt, ist sie rechtswirksam und es kann losgehen.

Mein Kommentar

KOMMENTARE

Dirk
vor 26 Tagen und 10 Stunden
Ein kleiner Hinweis zum Abschnitt "Von allen für alle". Die Abkürzung von " Open Source Automation Development Lab" ist OSADL (www.osadl.org) und nicht OSDL was für Open Source Development Labs steht (https://en.wikipedia.org/wiki/Open_Source_Development_Labs). Letztere ist in 2007 in der Linux Foundation aufgegangen.


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Meine Antwort
Sebastian Amaral Anders
vor 26 Tagen und 9 Stunden
Hallo Dirk, danke für den Hinweis – wir haben den Fehler korrigiert!

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