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„Wir machen einen Riesensprung“
ArticleId: 3259magazineMarkus vom Stein und Ronny Grohe, Bereichsleiter Ultrafrische 2 für das Vollsortiment beziehungsweise das Discountgeschäft, über bessere Haltungsbedingungen, preissensible Verbraucher:innen und Einigkeit im Handel.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/4/a/csm_standard_teaser_522cac4a7d.jpg„Mehr Tierwohl geht nicht auf Knopfdruck“Markus vom Stein & Ronny Grohe
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Markus vom Stein und Ronny Grohe im Interview
„Mehr Tierwohl geht nicht auf Knopfdruck“
von Stefan Weber

Markus vom Stein und Ronny Grohe, Bereichsleiter Ultrafrische 2 für das Vollsortiment beziehungsweise das Discountgeschäft, über bessere Haltungsbedingungen, preissensible Verbraucher:innen und Einigkeit im Handel.

one: Die REWE Group treibt die Entwicklung zu mehr Tierwohl voran. Seit 1. Juli stellen REWE und PENNY das Schweinefleisch ihrer Eigenmarken sowie ausgewählte Wurstartikel sukzessive von der Haltungsformstufe 1 auf 2 um. Was steckt dahinter?

Markus vom Stein: Dieser Schritt ist die konsequente Fortsetzung unserer Strategie, das Thema Tierwohl systematisch in den relevanten Lieferketten zu verankern. Um den Kunden eine Orientierung beim Fleischeinkauf zu geben, kennzeichnen wir bereits seit April 2019 unser Schweine-, Geflügel- und Rindfleisch mit der vierstufigen Haltungsform. Schon heute stammt das gesamte Eigenmarken-Geflügelfleisch aus besseren Haltungsbedingungen der Stufe 2 oder höher. Jetzt folgen Schweinefleisch und verarbeitete Produkte.

one: Haltungsform 2 statt 1 scheint auf den ersten Blick keine große Herausforderung zu sein. Die Tiere erhalten in den Ställen zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und Beschäftigungsmaterial.

Ronny Grohe: Das mag wenig erscheinen. Tatsächlich steckt jedoch sehr viel mehr dahinter. Die Umstellung zeigt, dass es der oftmals gescholtene Handel zusammen mit der Initiative Tierwohl geschafft hat, bessere Haltungsbedingungen nicht nur in Marktnischen, sondern im Massenmarkt durchzusetzen. Die beteiligten Händler haben den Konkurrenzgedanken hintenangestellt, um gemeinsam mehr Tierwohl durchzusetzen. So viel Einigkeit gab es in der Branche noch nie.

one: Aber dazu bedurfte es eines langen Atems.

Ronny Grohe: Ja, das ist richtig, schließlich wurde die Initiative Tierwohl bereits 2016 gegründet. Aber bei diesem Thema ist es wichtig, die gesamte Wertschöpfungskette vom Landwirt bis zum Kunden mitzunehmen. Das geht nicht auf Knopfdruck.

Ronny Grohe und Markus vom Stein (Foto: Achim Bachhausen)

„Wenn plötzlich alle großen Händler Schweine der Haltungsformstufe 2 haben möchten, braucht es ein geordnetes Vorgehen.“
Markus vom Stein

one: Welche sind die größten Herausforderungen bei der Umstellung?

Markus vom Stein: Das beginnt bei der Versorgung mit Ware. Im Herbst vergangenen Jahres haben wir begonnen, mit Schlachtunternehmen und Verarbeitenden zu reden, um uns die entsprechenden Mengen zu sichern. Die fünf größten Fleischlieferanten stehen für 70 Prozent des deutschen Marktes. Wenn plötzlich alle großen Händler Schweine der Haltungsformstufe 2 haben möchten, braucht es ein geordnetes Vorgehen. Sonst zahlt eventuell einer mehr und wird bevorzugt beliefert. Das haben wir mit der Initiative Tierwohl besprochen und das hat sehr gut funktioniert. Die Mengen, die wir im Sortiment und auch für Aktionen und Grill benötigen, haben wir sicher. Aber natürlich ist es schwer einzuschätzen, wie die Kund:innen reagieren werden.

Ronny Grohe: Wir haben vor einiger Zeit in der Region Nord einen Test gefahren und eine Handvoll Schweinefleisch-Artikel der Haltungsformstufe 2 angeboten. Die entsprechend höheren Kosten haben wir in Form von etwa 50 Cent pro Kilo auf den Verkaufspreis geschlagen – und sind dafür von den Kund:innen massiv abgestraft worden. In der sechsmonatigen Testphase haben wir zehn Prozent des Absatzes verloren.

one: Nicht überraschend, wenn die Kund:innen beim Wettbewerb weiter Fleisch der Haltungsformstufe 1 entsprechend günstig kaufen können, oder?

Ronny Grohe: Das genau ist der Unterschied zu der Situation jetzt. Nun fahren fast alle großen Händler die gleiche Linie. Aber man muss auch sehen, dass Schweinefleisch in der Gunst der Verbraucher:innen seit Jahren verliert. In den vergangenen drei Jahren betrug das Absatzminus branchenweit fünf Prozent, weil die Kunden mehr Geflügel und Rindfleisch essen und der Fleischverzehr insgesamt zurückgeht. 

„Ein großflächiger Umstieg auf die Haltungsformen 3 oder 4 ist machbar, aber die Hürden auf dem Weg dorthin sind hoch.“
Ronny Grohe

one: Mit der Umstellung auf die Haltungsformstufe 2 wird Schweinefleisch teurer werden. Somit besteht die Gefahr, dass sich der negative Absatztrend beschleunigt fortsetzt.

Ronny Grohe: Ja, ein weiterer Rückgang um fünf Prozent in den nächsten drei Jahren würde mich nicht überraschen.

Markus vom Stein: Im Vollsortiment wird der Einbruch voraussichtlich nicht so stark sein. Dessen Kund:innen sind weniger preissensibel. Zudem sind wir dort mit der Eigenmarke Wilhelm Brandenburg preislich höher angesiedelt. Aber natürlich verursacht mehr Tierwohl Kosten und die müssen in erster Linie von den Kund:innen bezahlt werden. Mit einem 'Weiter so wie bisher' lässt sich das Tierwohl nicht verbessern. 

one: Um wie viel wird Schweinfleisch teurer werden?

Markus vom Stein: Alle beteiligten Händler stehen im Wettbewerb. Da bleibt abzuwarten, wo sich ein neues Niveau einpendelt. Verbraucher:innen, die in Umfragen häufig angeben, für mehr Tierwohl auch mehr bezahlen zu wollen, haben nun die Chance dazu.

Ronny Grohe: Ein Schweinenackenkotelett, das vor der Umstellung 3,99 Euro pro Kilo gekostet hat, wird dann bei PENNY vielleicht 4,49 Euro kosten – mit der Folge, dass preissensible Kund:innen möglicherweise die Einkaufsstätte wechseln. Schließlich gibt es einige Händler, die auch künftig Schweinfleisch der Haltungsstufenform 1 anbieten werden, weil sie nicht Teilnehmende der ITW sind. In der Pandemie, als viele Kund:innen weniger Gelegenheiten hatten, Geld auszugeben, haben sie für gutes Geld gute Lebensmittel gekauft. Jetzt können sie wieder in Restaurants gehen und verreisen, da werden sie ihr Budget unter Umständen anders aufteilen.

one: Welche Herausforderungen bedeutet mehr Tierwohl für die Bedientheke?

Markus vom Stein: Die Kund:innen werden wissen wollen, was die Umstellung genau bedeutet – und darauf müssen unsere Mitarbeiter:innen kompetent antworten. Dazu müssen wir sie über verschiedene Kanäle entsprechend schulen. Das ist nicht einfach, angesichts der zahlreichen Belastungen, die die Mitarbeiter:innen infolge der Pandemie ohnehin zu tragen haben.

© iStock / Getty Images Plus | Sonja Rachbauer

one: Die Umstellung auf die Haltungsformstufe 2 ist eine Branchenvereinbarung und zielt auf den Massenmarkt. Was unternimmt REWE im Vollsortiment zusätzlich, um ihr Profil zu schärfen?

Markus vom Stein: REWE hat eigene, weitergehende Ziele beim Tierwohl. Bei SB gehen wir im Vollsortiment mit dem Massenmarkt. Aber an der Frischetheke wollen wir die Themen hochwertiges Markenfleisch aus der Region sowie Bio weiter vorantreiben. In der Pandemie haben wir in diesen Bereichen kräftig zugelegt. Hier besitzen wir Know how; hier haben wir einen Vorsprung im Wettbewerb. Beispiele sind die Strohschwein-Programme, die die Kriterien der Haltungsformstufe 3 in Bayern und 4 in Nordrhein-Westfalen erfüllen. Im Bereich Bio-Fleisch hat REWE zudem sei zehn Jahren mit Naturland einen starken Partner für die Erzeugung und Verarbeitung biologischer Lebensmittel. Im Frischfleischbereich tragen alle REWE Bio-Produkte das Naturland-Zeichen und erfüllen somit die strengen Naturland-Richtlinien. Die gehen weit über die gesetzlichen Anforderungen der EU-Bio-Verordnung hinaus. 

one: Die Umstellung auf die Haltungsform 2 im Massenmarkt ist ein großer Schritt, kann aber nicht das Ende bei der Förderung des Tierwohls sein. Wie geht es danach weiter?

Ronny Grohe: Ein großflächiger Umstieg auf die Haltungsformen 3 oder 4 ist machbar, aber die Hürden auf dem Weg dorthin sind hoch.  Stufe 3 bedeutet Außenklima, die Tiere müssen mehr an die frische Luft. Damit werden die CO2-Emissionen sowie die Trinkwasserbelastung steigen.

Markus vom Stein: Um noch mehr Tierwohl zu verwirklichen, müssen die politischen Rahmenbedingungen geändert werden. Änderungen im Baurecht sind notwendig und die Landwirte müssen von Umbaukosten für die Ställe entlastet werden. Dazu gibt es viele gute Vorschläge.

Ronny Grohe: Das Projekt wird uns die nächsten Jahre begleiten. Und es ist möglich, dass es auf dem Weg zu mehr Tierwohl nach einem Schritt nach vorne auch wieder einmal einen halben Schritt zurückgeht. Aber das Gute ist: Wir als REWE Group können das Thema mitvorantreiben. Das ist eine Riesenchance.


„Wir haben ganze Schweine unter Vertrag genommen“

Bis  Ende 2030 streben REWE und PENNY an, im gesamten Eigenmarken-Sortiment ausschließlich Fleisch aus der Haltungsformstufe 3 und 4 anzubieten. Seit dem 1. Juli werden bereits das Eigenmarken-Schweinefleisch sowie ausgewählte Wurstartikel komplett von Stufe 1 auf die 2 umgestellt. one sprach mit Verantwortlichen bei Wilhelm Brandenburg, was das für die Produktion bedeutet. Hier gehts zum Artikel

„Wir machen einen Riesensprung“

Dirk Heim, Bereichsleiter Nachhaltigkeit Ware der REWE Group und Dr. Alexander Hinrichs, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH, über die Umstellung des Schweinefleischangebots auf Haltungsform 2 und Probleme bei der Preisfindung.

Hier gehts zum Artikel

„Eine Frage der Haltung“

Die REWE Group setzt sich seit Jahren konsequent für die Verbesserung branchenweiter Tierwohlstandards ein. Welche Tierwohlziele die REWE Group im Fleisch- und Wurst-Bereich verfolgt und welche Wege sie dabei geht – eine Übersicht.

Hier gehts zum Artikel

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