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ArticleId: 1704magazineTurnschuhe zum Anzug? Hoodie statt Hemd? In Sachen Berufsbekleidung herrscht heute eine größere Vielfalt denn je. Modeinstitut-Chef Gerd Müller-Thomkins im one_Interview über Hoodies und Business-Kostüme – und warum der Chef auch in Sachen Dresscode vorangehen sollte.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/0/d/csm_TT_11_01_Dresscode_mgt_st_1f26628b39.jpg„Wie der Herr so’s Gescherr“Mode-Experte Müller-Thomkins
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Dresscode: Vom Wandel
der Berufsbekleidung
29.11.2017

Turnschuhe zum Anzug? Hoodie statt Hemd? Und wann trägt Mann eigentlich noch Krawatte? In Sachen Berufsbekleidung herrscht heute eine größere Vielfalt denn je. Doch die größere Freiheit bei der morgendlichen Entscheidung vor dem Kleiderschrank birgt auch das Potenzial für Fettnäpfchen.

Turnschuhe zum Anzug? Hoodie statt Hemd? Und wann trägt Mann eigentlich noch Krawatte? In Sachen Berufsbekleidung herrscht heute eine größere Vielfalt denn je. Doch die größere Freiheit bei der morgendlichen Entscheidung vor dem Kleiderschrank birgt auch das Potenzial für Fettnäpfchen.

Wie man diese gekonnt umschifft, weiß Gerd Müller-Thomkins, 59. Der Chef des Deutschen Modeinstituts spricht im one-Interview über Hoodies, Business-Kostüme und warum der Chef auch in Sachen Dresscode vorangehen sollte.

Am Kaffeeautomaten kommen sie im Laufe des Tages alle vorbei: Anzug- und Krawattenträger, Casual-Fans, Kapuzenpulli-Liebhaber und Bequemschuh-Begeisterte. Also hat one hier das Gespräch gesucht. 15 Kollegen über ihre Lieblingsklamotten – und die absoluten No-Gos im Büro.Gerade bei Veranstaltungen wird oft noch ein Dresscode ausgegeben: Doch was sollte ich denn nun anziehen, wenn auf der Einladung Business Casual steht? Und was ist die richtige Kleidung beim Vorstellungsgespräch? one sprach mit Stil-Expertin Gabriele Schlegel. Außerdem: 5 Todsünden – was sollte man niemals bei der Arbeit tragen?REWE-Verkäuferinnen mit bunten Schirmmützen, Marktleiter im weißen Kittel und Zentral-Mitarbeiter in XXL-Pullovern und Leggins: Bei der Berufsbekleidung waren auch die REWE Group-Kollegen immer voll im Trend. one zeigt im Zeitstrahl die besten Bilder der vergangenen Jahrzehnte. Und REWE-Kaufleute, Zentralisten, Toom-Kollegen und Touristiker berichten von modischen Eskapaden und unumstößlichen Traditionen. Berufskleidung ist jedoch viel mehr als nur Mode: Sie schützt im Lager vor Kälte, verschafft im Flughafen-Gewimmel Orientierung oder unterstreicht die Kompetenz hinter der Fleischtheke. In one berichten Kollegen von REWE, Toom, DER Touristik oder der Zentrale von ihrem ganz persönlichen Verhältnis zu der Kleidung, die sie in ihren täglich Jobs tragen. Vom Koch oder Service-Mitarbeiter in der Zentrale über den Metzger an der REWE-Fleischtheke bis zur PENNY-Lagerkraft.
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Mode-Experte Gerd Müller-Thomkins

„Wie der Herr so’s Gescherr“

29.11.2017

Gerd Müller-Thomkins, 59, kann in unterschiedlichen Business-Mode-Welten leben. Heute Strickjacke und voluminöser Schal, morgen dunkelblauer Anzug mit Krawatte. „Das macht mir Spaß“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Modeinstituts. Als er aber einmal Turnschuhe zum Anzug kombinieren wollte, meinten seine (feine Budapester-Schuhe tragenden) Söhne: „Mach Dich nicht lächerlich.“  Im one_Interview spricht er über Hoodies, Business-Kostüme und warum der Chef auch in Sachen Dresscode vorangehen sollte.

one: Herr Müller-Thomkins, vor 20 Jahren war die Sache einfach: Da haben Männer morgens nachtblind in den Kleiderschrank gegriffen und stets das passende Büro-Outfit hervorgezogen – einen meist mittelgrauen Anzug. Dazu ein weißes oder blaues Hemd, Krawatte und sie waren modisch auf der sicheren Seite. Heute herrscht in Kleidungsfragen Vielfalt. Selbst Vorstandsmitglieder tragen plötzlich bei öffentlichen Auftritten Jeans und Sneakers. Was ist passiert?
Gerd Müller-Thomkins: Individualität statt Uniformismus! Die Ursprünge für diesen Bewusstseinswandel lassen sich schon in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausmachen. Die Menschen wollten sich von Konventionen lösen, und so haben sich auch die Kleidungsregeln nach und nach gelockert. Viele Unternehmen dulden das. Ja, sie befürworten es sogar, weil sie meinen, anderenfalls als uncool zu gelten. Ich halte das für Unsinn. Die Rückständigkeit von Unternehmen erkennt man gerade daran, dass sie glauben, maximale Freizügigkeit sei aktueller Zeitgeist.

„Kleidung ist nicht nur non verbale Kommunikation. Sie kann auch entlarven."

one: Das heißt, Arbeitgeber sollten in Modefragen die Zügel ein wenig anziehen und stärkere Vorgaben machen, was ihre Mitarbeiter anziehen?
Gerd Müller-Thomkins: Wenn es um Berufsbekleidung geht, hat dieser Bewusstseinswandel schon vor 20 Jahren begonnen. Auch da war Bekleidung vereinzelt bereits so leger, dass man zum Beispiel den Briefträger nicht mehr erkannte. Unternehmen geben sich viel Mühe, eine Corporate Identity zu entwickeln, mit einheitlichem Logo, passenden Schrifttypen, mitunter gar einer individuellen Architektur. Und zu diesem Marken-Bausatz gehört immer häufiger auch die Bekleidung der Mitarbeiter. Das ist nur noch nicht überall angekommen. Heute Vormittag beispielsweise  hatte ich auf einem Amt zu tun. Der Mitarbeiter dort empfing mich in einem Hoodie mit irgendeinem Schriftzug. Das geht doch gar nicht! 

one: Wenn ich jeden Tag überlegen muss, was steht heute an, welche Termine habe ich und welche Kleidung ist dabei angemessen, wächst die Gefahr, auch schon einmal das falsche Outfit zu wählen. Ist es da nicht beruhigender zu wissen: alle Männer tragen Anzug und alle Damen erscheinen im Business-Kostüm?
Gerd Müller-Thomkins: Ja, es ist herausfordernder geworden, sich angemessen zu kleiden. Wenn das manche Menschen überfordert, hat das auch damit zu tun, dass sie keine entsprechende Erziehung genossen haben. Fächer wie Werkunterricht und Materialkunde gibt es in den Schulen kaum noch. Wer kann noch Wolle von Baumwolle unterscheiden und wer kennt sich bei Mischungsverhältnissen von Stoffen aus? Das Bewusstsein für Qualität ist bei vielen verlorengegangen. 

one: Sollte der Chef auch beim Dresscode die Linie vorgeben? Oder darf er sich, eben weil er der Chef ist, in Mode-Fragen besonders viel herausnehmen?
Gerd Müller-Thomkins: In der Kleiderfrage sollte die Unternehmensspitze stets Vorbild sein. Für mich gilt: Wie der Herr so‘s Gescherr!

one: Aber gerade Firmenlenker treten mitunter betont leger auf – auch um zu zeigen, welch lockerem, modernen Unternehmen sie vorstehen.
Gerd Müller-Thomkins: Kleidung ist nicht nur non verbale Kommunikation. Sie kann auch entlarven. Man muss sich nicht mit jedem, den man ansprechen möchte, gemein machen. Vielmehr geht es doch darum, seine Identität zu finden - zwischen dem Unternehmen, das man vertritt und der eigenen Persönlichkeit. Ich würde ab einer bestimmten Führungsebene Anzugpflicht verordnen.

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„Wie ich mich anziehe, hat auch damit zu tun, wie ich die Welt wahrnehme."

one: Also zurück zur Uniformität?
Gerd Müller-Thomkins: Nein, natürlich nicht. Anzüge bieten heute eine enorme Bandbreite, Individualität auszudrücken. Viele Schnitte sind stark casualisiert, selbst im hochwertigen Bereich. Aus gewaschener Baumwolle zum Beispiel. Oder auch Modelle aus Wolle, die sportlich aussehen und trotzdem einen Anzug darstellen.

one: Wie wäre es, wenn Unternehmen zwar nicht den Anzug zur Pflicht machen, aber ihren Mitarbeitern eine Liste an die Hand geben, was nicht geht im Business-Alltag. Zum Beispiel Flip-Flops, Polos, Hoodies….
Gerd Müller-Thomkins: Besser ist es, Empfehlungen zu geben, was sie tragen können. Es wäre schade für Unternehmen und auch für jeden Einzelnen, wenn sie die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten der Mode außer Acht ließen. Wer sich das nicht selber zutraut, kann auf die vielfältigen Dienste von Outfit-, Stil-, Typ- oder Farbberatern zurückgreifen. Allein diese Angebote zeigen doch, dass es ein erhebliches Defizit gibt.  

one: Haben es Frauen schwerer als Männer, wenn es um das Business-Outfit geht? Schließlich möchten sie zum einen in den häufig noch Männer dominierten Runden modisch akzeptiert werden. Zum anderen müssen sie vor dem meist besonders kritischen Auge ihrer Kolleginnen bestehen.
Gerd Müller -Thomkins: Ich sehe nicht, dass es Frauen schwerer haben. Sie besitzen doch eine sehr viel größere Bandbreite an modischen Ausdrucksmöglichkeiten. Denken Sie an den Hosenanzug, der übrigens wieder stark kommen wird. Männer in Röcken werden nie so akzeptiert werden wie Frauen in Hosenanzügen. Der Trend heißt: Androgynisierung. Männer und Frauen bewegen sich in Kleidungsfragen aufeinander zu. Der Mann ist auch ein bunter Vogel geworden. Seine Kleidung hat sich der der Frauen angenähert: Er trägt zum Beispiel enge, nicht ganz lange Hosen und zeigt Dekolletee, indem er ausgeschnittene T-Shirts und offene Hemden anzieht.

one: Wie viel Weiblichkeit sollte frau im Büro zeigen?
Gerd Müller-Thomkins: Es gibt einen Business-Stil, der Weiblichkeit mit Haltung und ästhetischer Zurückhaltung sehr positiv verbindet. Da müsste man jetzt ins Detail gehen. Zum Beispiel bei Schuhen: Flacher Absatz, aber nicht zu flach. Keine Ballerinas. Keine Pfennigabsätze, sondern etwas breitere Absätze. Dazu ein Rock, der knapp über dem Knie endet. Wenn man dazu noch passende Strümpfe und Bluse kombiniert, kommt eine selbstbewusste Weiblichkeit zum Tragen, die nicht über Maßen sexualisiert ist.   

one: Wenn Führungsteams eines Unternehmens gemeinsam öffentlich auftreten, lassen sich zwei Trends beobachten: Die einen verordnen sich ein einheitliches Outfit, bis zur Firmen-Krawatte. Die anderen geben sich beim Dresscode liberal. Was empfehlen Sie?
Gerd Müller-Thomkins: In der Führungsetage sollten eigene Denker am Werk sein, und das sollte auch in der Kleidung ihren Ausdruck finden. Das heißt nicht, dass man mit Jeans oder Chino-Hose und bunten Sneakers erscheint, wie das bisweilen zu beobachten ist. Wer das tut, macht sich lächerlich. Man muss immer wissen, wo und wie man sich selbst verortet. Wie ich mich anziehe, hat auch damit zu tun, wie ich die Welt wahrnehme und wie ich wahrgenommen werden möchte. Letztlich muss man immer bei sich selbst bleiben.

Gerd Müller-Thomkins ist als Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts (DMI) in Köln vor allem Präsentator von modischen Themen und Trends. Er finanzierte sein Studium der Germanistik und Geschichte, Soziologie und Volkswirtschaft mit Einkünften einer Tätigkeit als Model. Auf Laufstegen in Deutschland und anderen Ländern präsentierte er die aktuelle Männermode.

Parallel schlug er eine journalistische Laufbahn ein. 1996 übernahm er die Geschäftsführung des Deutschen Instituts für Herrenmode; seit 2003 leitet er das fusionierte DMI.  Das Institut recherchiert, analysiert und präsentiert die Entwicklung der Modetrends. 

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