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ArticleId: 3193magazineWie bewahren wir uns in Corona-Zeiten unsere Positivität? Können wir aktiv und kreativ gegen die Corona-Müdigkeit angehen? Daniela Rissinger, Unternehmenskommunikation Toom Baumarkt, hat darüber mit dem Soziologen Prof. Dr. Clemens Albrecht gesprochen.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/e/7/csm_01_Coaching_Interview_Prof_mg_bild_parallax_3cbe93bec0.jpg„Etwas tun, das die Welt ein bisschen besser gemacht hat”Unser Leben in Corona-Zeiten
Unser Leben in Corona-Zeiten
„Etwas tun, das die Welt ein bisschen besser gemacht hat, indem sie schöner und praktischer wurde”
von Daniela Rissinger

Wie bewahren wir uns in Corona-Zeiten unsere Positivität? Können wir aktiv und kreativ gegen die Corona-Müdigkeit angehen? Daniela Rissinger, Unternehmenskommunikation Toom Baumarkt, hat darüber mit Prof. Dr. Clemens Albrecht gesprochen. Er ist Soziologe an der Uni Bonn, und lehrt dort, wie wissenschaftlichen Wissen möglichst gut angewendet wird. 

one: In länger anhaltenden Pandemiephasen stellt sich bei vielen eine sogenannte Pandemiemüdigkeit ein. Was verbirgt sich hinter dieser Begrifflichkeit und wie können wir ihr entgegen wirken?

Prof. Dr. Clemens Albrecht : Durch die Pandemie müssen wir uns an viele neue Regeln halten, die unser Alltagsleben einschränken. So etwas hält man leicht durch, solange man ein Ende sieht. Manche Leute halten die Luft an, wenn sie durch einen Tunnel fahren. Das geht aber nur, wenn man ein Licht am Ende des Tunnels sieht. Hinter der Pandemiemüdigkeit verbirgt sich die Weigerung, die neuen Normen dauerhaft in die eigene Lebenswelt zu integrieren, verbirgt sich die Resignation vor der Tatsache, dass wir nicht wissen, wie lange der Tunnel ist. 

 
one: Der vielzitierte Lockdown hat massive Auswirkungen auf unsere sonst sehr unabhängige und individuelle Gestaltung von Berufs- und Privatleben. Wie gelingt aus psychologischer Sicht ein gelungenes "so viel wie nötig, so wenig wie möglich" von Seiten der Regierung, Experten, Interessengruppen? 

Prof. Dr. Clemens Albrecht : Wie jeder Balanceakt ist das richtige Maß aus Einschränkung und Freiheitsgewährung schwierig. Die Pandemie fixiert unseren Blick auf die Opfer der Pandemie, und leicht vergessen wir, dass auch die Pandemiebekämpfung Opfer erzeugt. In diesem klassischen ethischen Dilemma hilft es nur, so genau wie möglich die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien über die Wahrscheinlichkeit der Ansteckung in spezifischen Situationen nachzuvollziehen und die Regeln daran auszurichten. Die nächtliche Ausgangssperre ist sinnvoll, wenn man das Feiern in geschlossenen Räumen verhindern möchte, nicht aber sinnvoll, wenn man die Menschen dadurch zum Aufenthalt in geschlossenen Räumen zwingt. Die Politik muss bei diesen Balanceakten immer im Blick haben, dass die moderne Gesellschaft so differenziert ist, dass man keine Entscheidung nur aus der Perspektive einer Gruppe treffen darf. Für den Ausgleich aber gibt es keine Patentlösung. 

Und was macht Clemens Albrecht, um sich aus dem Corona-Tief zu hebeln?

Ich schreibe Ihnen aus Oberbayern, wo die Baumärkte geöffnet waren. Das war für mich ungeheuer wichtig, weil ich, auf die Nahwelt zurückgeworfen, wenigstens hier durch mein praktisches Tun etwas erreichen konnte, was die Welt ein bisschen besser gemacht hat, indem sie schöner und praktischer wurde. Baumärkte gehören für mich zur psychischen Grundstabilisierung des Menschen in unsicheren Zeiten. Deshalb finden Sie im Anhang auch ein ganz aktuelles und besonderes Porträtfoto, das mich nach der Montage unseres neuen Wachtelgeheges zeigt.

one: In der Berichterstattung zur Pandemie überwiegen negative Nachrichten (Stichwort: steigende Infektionszahlen, Todesfälle, schwere Krankheitsverläufe, Impfpannen) - was macht das mit uns und wie können wir uns unsere Positivität bewahren? 

Prof. Dr. Clemens Albrecht : Die Dominanz negativer Meldungen führt schon immer zu einem merkwürdigen Unterschied. Darauf befragt, wie sie die Lage einschätzen, antworten viele: „Die allgemeine Lage ist schlecht bis sehr schlecht, mir persönlich geht es aber gut.“ Wie sonst kommt es darauf an, neben den vielen negativen Aspekten, die in unser Leben eingetreten sind, auch die positiven Erfahrungen in den Blick zu bekommen. Das machen die Menschen auch: Jetzt endlich habe ich mehr Zeit für meine Kinder, für mein Hobby, die Partnerschaft, ich habe entdeckt, wie schön die Naherholungsgebiete sind, kann endlich die Gartenhütte bauen etc. Die Medien könnten dies durchaus aufgreifen, indem sie etwa eine Artikel- oder Sendungsserie machen über „gelungenes Leben in der Pandemie“. 

 
one: Liegen in einer solchen Pandemie auch Chancen und wenn ja, welche? 

Prof. Dr. Clemens Albrecht : Ja, natürlich. Für jeden Einzelnen die Chance, in dem großen Ablenkungsapparat der modernen Gesellschaft mit ihren tausend Möglichkeiten, die uns immer zur Entscheidung auffordern (und darin nicht selten überfordern) endlich zu entscheiden, auf was es im eigenen Leben wirklich ankommt und was man mit ganz bescheidenen Mitteln im eigenen Nahkreis erreichen kann. Für die Gesellschaft aber entsteht ein neues Bewusstsein der Zusammengehörigkeit: Es ist eine globale Krise, von der wir alle betroffen sind. Egal, wo wir künftig hinkommen auf diesem Planeten: Wir können darüber reden, wie wir diese Krise erlebt und bearbeitet haben. Ob daraus eine neue, globale Einigkeit erwächst, oder umgekehrt neue Konflikte, das wissen wir gegenwärtig noch nicht. 

„Egal, wo wir künftig hinkommen auf diesem Planeten: Wir können darüber reden, wie wir diese Krise erlebt und bearbeitet haben“
Prof. Dr. Clemens Albrecht
Soziologe an der Uni Bonn

one: "Regenbogen gegen Corona", Balkonkonzerte gegen Isolation - Wie gelingt Nähe in diesen von Kontaktbeschränkungen und Distanz geprägten Zeiten? 

Prof. Dr. Clemens Albrecht : Die wichtigsten Nahbeziehungen, die jetzt gelingen müssen, sind die Beziehungen zu den Personen, mit denen wir in einem Haushalt zusammenleben. Dafür brauchen wir keine neuen Formen, sondern ganz alte Tugenden: Gesprächsbereitschaft, Zuhörenkönnen, auch wenn man es schon tausendmal gehört hat, Verständnis für die Andersheit des Anderen, Toleranz. Aber natürlich auch ein Verständnis für die eigenen Grenzen: man kann nicht alles aushalten. Dies neu auszubalancieren ist jetzt die wichtigste Aufgabe, den ein großer Teil unserer psychischen Stabilität ergibt sich aus solchen gelingenden Nahbeziehungen. Alle anderen Formen, in denen wir versuchen, die mittlere Ebene der sozialen Beziehungen aufrecht zu erhalten, werden, fürchte ich, symbolische Surregate bleiben,  die wir erleichtert aufgeben, sobald wir wieder Abends ausgehen können: in die Kneipe, ins Konzert, zum Mannschaftssport, zum Karneval, in die Kirchengemeinde, zur NGO oder zum Kaninchenzüchterverein. 

Mein Kommentar
Kommentare
Beatrice A.
vor 6 Monaten und 4 Tagen
Das Interview ist perfekt ???? zumal ich gerade 4 Wachteleier aus dem neuen Innen- und Außen-Gehege geholt habe . ???? B.A.
Antworten
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