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ArticleId: 3732magazineNach zwei Jahren pandemisch erzwungener Zurückhaltung ist die Reiselust der Verbraucher:innen wieder nahezu ungebrochen. Die Buchungen bewegen sich auf Vorkrisenniveau. Auch der Ukraine-Krieg scheint bisher noch keine spürbaren Auswirkungen darauf zu haben. one sprach mit Dr. Ingo Burmester, CEO DER Touristik Central Europe, über steigende Reisepreise, die Lerneffekte einer Pandemie, die Herausforderungen der Zukunft – und über seine allerliebsten Fleckchen (Urlaubs-) Erde.https://one.rewe-group.com/fileadmin/_processed_/5/2/csm_ts_standard_tt0701-int_8e8477b2b6.jpg"Wir haben gelernt, wie stark wir als Team sind"Interview mit Ingo Burmester
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Lesedauer: 10 Minuten
20.06.2022
DER Touristik Europe
Der Riesen-Reisehunger ist zurück
von Marion ten Haaf und Sylvia Hannstein

Nach zwei Jahren pandemisch erzwungener Zurückhaltung ist die Reiselust der Verbraucher:innen wieder nahezu ungebrochen. Die Buchungen bewegen sich auf Vorkrisenniveau. Auch der Ukraine-Krieg scheint bisher noch keine spürbaren Auswirkungen darauf zu haben. one sprach mit Dr. Ingo Burmester, CEO DER Touristik Central Europe, über steigende Reisepreise, die Lerneffekte einer Pandemie, die Herausforderungen der Zukunft – und über seine allerliebsten Fleckchen (Urlaubs-) Erde.

Ingo Burmester, CEO DER Touristik

one: Herr Burmester, Terroranschläge, Tsunamis, Flugzeugabstürze: die Tourismusbranche ist nun wahrlich krisengeprüft - und krisenerprobt. Was war bei der Pandemie anders?

Ingo Burmester: Wir sind in der Tat als Branche sehr krisenerfahren gewesen – schon vor der Pandemie. Corona hat dennoch alles verändert, da wir über zwei Jahre im Krisenmodus waren. Die Dauer und Intensität dieser Krise hat uns – und die gesamte Branche – in einem noch nie dagewesenen Maß getroffen. 

Wir haben zu Beginn der Krise die größte Rückholaktion in der Firmengeschichte umgesetzt und 44.000 Pauschalreise-Gäste nach Hause gebracht. Und bis zuletzt hatten wir kaum Planbarkeit, mussten jede Woche maximal flexibel reagieren. Der ständige Wechsel aus dem Schließen und Öffnen von Destinationen war ein Stresstest für uns alle. 

one: Wie haben Sie Mammutaufgaben wie die Rückholaktion in der Organisation überhaupt so schnell bewältigen können? 

Ingo Burmester: In dieser Zeit hat sich unser etabliertes Krisenmanagement sehr bezahlt gemacht. Die Kolleg:innen haben hier rund um die Uhr gearbeitet – in enger Abstimmung mit den Behörden und mit dem direkten Draht in die Zentralfunktionen der Organisationen. Unser fester Krisenstab stand sehr früh, Entscheidungsträger waren eng involviert und Informationen wurden schnell in der Organisation geteilt. Die gesamte Führungsmannschaft war eingebunden, Zuständigkeiten und Prozesse wurden erweitert. Ein Produktchef beispielsweise, der in normalen Zeiten für den Einkauf zuständig ist, war nun für den Rücktransport aller Reisegäste aus seinem Zielgebiet verantwortlich.

Diese Krise war damit vor allen Dingen ein Beispiel für außergewöhnlich starke Teamarbeit und engen Zusammenhalt. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle auch noch mal ausdrücklich bedanken. Und ich bin sehr froh, dass wir aktuell so eine starke Nachfrage erfahren. Der Reisehunger ist zurück und riesengroß. Das tut enorm gut, nach dieser langen Durststrecke. 

one: Hat Corona Langzeitwirkungen auf den Tourismus? Im Klartext: Wird sich das Reiseverhalten der Menschen dauerhaft ändern?

Ingo Burmester: Die Lust auf Urlaub ist größer denn je. Dies zeigt der aktuelle Reiseboom. Und in der Tendenz wird auch höherwertiger gebucht – die Ausgaben pro Reise sind um etwa 20 Prozent gestiegen. Nach der langen Zeit des Verzichts möchte man sich etwas gönnen. Die Pandemie hat uns allen gezeigt, wie wichtig die Erholung durch Urlaube ist. Daher werden Urlaube sicherlich in der Bedeutung für den Lebensstil eher zunehmen, die Ausgabebereitschaft in der Tendenz eher wachsen. Wenngleich wir abwarten müssen, wie sich die Inflation auf diesen Trend langfristig auswirkt. 

@ Getty Images/ FG Trade
„Wer jetzt noch nichts für den Sommer geplant hat, sollte sich wirklich beeilen. Insbesondere Destinationen wie Griechenland, die Türkei oder die Balearen sind aktuell sehr gefragt.“
Ingo Burmester

one: Trauen sich Reisende denn schon wieder längerfristig zu buchen? 

Ingo Burmester: In der Krise ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Flexibilität natürlich enorm gewachsen. Darauf haben wir uns mit Angeboten eingestellt, die sehr kurzfristig stornierbar sind. Ich gehe davon aus, dass auch dieser Trend noch eine ganze Weile halten wird. In der jetzigen Phase sehen wir, dass weiterhin wesentlich kurzfristiger als früher gebucht wird. Darum sind flexible Angebote mit großzügigen Stornooptionen weiterhin sehr wichtig für Reisende. Und sicherlich wissen Urlaubende nach den Erfahrungen in der Pandemie auch den Service und die Sicherheit der Veranstalterreise zu schätzen. Hier konnten wir aus meiner Sicht klar punkten. 

Die Erwartungen, dass unsere Services auch digital abrufbar sind, ist in der Pandemie allerdings ebenso gewachsen. Und wir sehen wir ein starkes Online-Wachstum: Unsere Onlinebuchungen sind um zehn Prozent gestiegen. Daher werden wir unsere digitalen Kundenservices verstärkt ausbauen und noch stärker mit dem Reisebürovertrieb vernetzen. Dies ist immens wichtig und unser Fokus in den nächsten Monaten. 

one: Welche Veränderungen gibt es auf der Seite der Reiseanbieter? 

Ingo Burmester: Natürlich gab es Veränderungen im Markt in dem Sinne, dass viele kleinere Anbieter, die Krise auch nicht überstanden haben. Damit hat sich das Angebot weiter auf die großen Player im Markt konzentriert. Nach der Thomas Cook-Insolvenz 2019 war die Frage, wie sich die Marktanteile verteilen werden. Ich denke, dass wir nach zwei Jahren Pandemie jetzt in die Phase eintreten, in der sich genau dies entscheiden wird. Das heißt, der Wettbewerb ist groß und Marktanteile eng umkämpft – insbesondere im Bereich der Kurz- und Mittelstrecke. Wir haben daher vom Krisen- in den Angriffsmodus umgeschaltet. Es geht für uns mit vollem Tempo weiter, um im Markt wachsen zu können. 

one: Und wie verändern sich die Angebote für Reisende? 

Ingo Burmester: Auf der Angebotsseite sehen wir, dass Trends wie individuelles und höherwertiges Reisen im Markt resonieren und Angebote in diesen Bereichen ausgebaut werden. Hier haben wir an vielen Stellen in der Pandemie sehr gute Vorarbeit geleistet, so dass wir aus einer starken Position heraus starten. 
Wir sind unter den absoluten Top-Veranstaltern am Markt in vielen sehr gefragten Zielgebieten, wie den Malediven, der Dominikanischen Republik, Dubai und sogar der Türkei und den Balearen – den am stärksten nachgefragten Reisezielen im Sommer 2022. Zudem haben wir in der Pandemie unser Hotelportfolio erweitert und zuletzt mit Aldiana eine absolute Premium-Marke vollständig übernommen, die wir weiter ausbauen werden. 

Die DER Touristik gehört zu den Top-Veranstaltern am Markt in vielen gefragten Zielgebieten, wie den Malediven © Getty Images/ SHansche

Gleichzeitig wird auch das Thema nachhaltiges Reisen immer wichtiger und von Reisenden stärker nachgefragt werden. Aber auch der politische Druck in diesem Bereich wächst. Damit steht die gesamte Branche vor der nächsten großen Aufgabe. Daher bin ich froh, dass wir auch in diesem Bereich stark aufgestellt sind und uns schon lange mit diesem Themenkomplex intensiv beschäftigen. 

one: Wie sehen nachhaltige Reiseangebote bei der DER Touristik denn ganz konkret aus? 

Ingo Burmester: Ende März dieses Jahres ist bereits die dritte Auflage des Dertour-Magalogs „Bewusst Reisen“ erschienen. Hier finden sich nachhaltig zertifizierte Hotels und Erlebnisse für einen verantwortungsvollen Tourismus. Zwölf Angebote daraus – unter anderem auf Mallorca, Bulgarien, in der Türkei und Griechenland – können mit CO2-neutralen Lufthansa-Flügen kombiniert werden, die wir ebenfalls seit März 2022 anbieten. 

@ Getty Images/ Morsa Images
„Die Isolation in der Pandemie hat bei vielen tiefe Spuren hinterlassen und uns vor Augen geführt: Wir brauchen den Austausch und die Begegnung mit anderen.“
Ingo Burmester

one: Was genau ist unter CO2-neutralen Flügen zu verstehen?

Ingo Burmester: Reisende können einen Teil der CO2-Emissionen ihrer Flugreise durch den Einsatz nachhaltiger Flugkraftstoffe einsparen, die aus biogenen Reststoffen wie gebrauchtem Speiseöl hergestellt werden. Der andere Teil der CO2-Emissionen wird durch Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte in Kooperation mit der gemeinnützigen Klimaschutzorganisation myclimate kompensiert, mit denen das CO2 über einen Zeitraum von zehn Jahren gebunden wird. 

one: Summa summarum: Was haben Sie und die DER Touristik aus Corona gelernt?

Ingo Burmester: Wir haben gelernt, wie wichtig Resilienz ist. Als Unternehmen müssen wir krisensicher aufgestellt sein und flexibel reagieren können. Gerade die hohe Flexibilität, die wir in der Krise entwickelt haben, müssen wir beibehalten und ausbauen. Ich sehe dies als Stärke, die wir gewonnen haben. Und wir haben gesehen, dass sich Investitionen in Sicherheit lohnen: Nur durch unser bereits existierendes, höchst professionelles Krisenmanagement konnten wir so schnell reagieren und so vielen Gästen ein sicheres Gefühl geben. 

one: Dann hatte die Pandemie auch etwas Gutes?

Ingo Burmester: Heute kann ich auch sagen, dass die Pandemie auch eine stärkende Erfahrung war bzw. ist. Denn wir haben gelernt, wie stark wir als Team sind. Das klingt vielleicht abgedroschen – aber, wenn man jetzt zurückblickt, realisiert man erst, was wir da gemeinsam geleistet haben. Jeder, der in der Touristik arbeitet, hat in den vergangenen Jahren sicherlich auch Momente gehabt, die sehr düster waren. Aber wir haben es geschafft. Wir sind da rausgekommen. In einer wahnsinnigen gemeinsamen Kraftanstrengung haben wir diese Phase überwunden und können jetzt nach vorne blicken. 

Das macht mich stolz auf diese Teamleistung und auf jeden einzelnen Kollegen, der dies möglich gemacht hat - auch durch persönlich belastende Einschnitte wie die Kurzarbeit. Und dies war sicherlich auch nur möglich mit der starken Rückdeckung der REWE Group, die uns in dieser schweren Zeit zur Seite stand. Auch hierfür möchte ich mich ausdrücklich bedanken. 

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one: Wenn Sie dann doch mal Tempo rausnehmen und Urlaub machen, was ist Ihr liebster Urlaubsort – und welches Reiseziel möchten Sie unbedingt einmal kennenlernen?

Ingo Burmester: Ich tanke sehr gerne auf der griechischen Insel Kos und auf Mallorca Sonne und Erholung. Aber ganz oben auf meiner Liste der Wunsch-Reiseziele steht aktuell Südafrika – da muss ich jetzt unbedingt bald mal hin. 

one: Gab es auch eine persönliche Einsicht, die sie vorher so nicht hatten? 

Ingo Burmester: Persönlich nehme ich aus der Krise mit, wie wichtig die soziale Interaktion mit anderen Menschen ist. Die Isolation in der Pandemie hat bei vielen tiefe Spuren hinterlassen und uns vor Augen geführt: Wir brauchen den Austausch und die Begegnung mit anderen. 

Ebenso hat es mir noch mal gezeigt, wie wichtig das Reisen für die Lebensqualität ist. Menschen Erholung zu ermöglichen ist etwas, dass unserer Arbeit einen wirklichen Sinn gibt. Das ist mir erst jetzt noch mal so richtig bewusst geworden. Gerade jetzt merke ich, was es für Klein und Groß bedeutet, endlich wieder Urlaub machen zu können. Das ist toll und motiviert mich gerade enorm – und ich hoffe, viele Kollegen und Kolleginnen ebenfalls. 

one: Sind Sie auf den neuen Reiseboom vorbereitet, gibt es genügend Kapazitäten in den Zielgebieten? Oder wird es für Sommer und Herbst schon irgendwo eng?

Ingo Burmester: Wir haben uns intensiv auf den Sommer vorbereitet und einen großen Nachholbedarf erwartet. Die Zeit der Pandemie haben wir zum Beispiel genutzt, um unser Angebot in Trenddestinationen auszubauen und unser Angebot an Hotels zu erweitern, die wir exklusiv vertreiben. 

Was die Buchungseingänge angeht, sind wir zum Teil sogar über Vorkrisenniveau. Allerdings empfehle ich gerade mit Blick auf den großen Nachholbedarf, Urlaube rechtzeitig zu buchen. Wer jetzt noch nichts für den Sommer geplant hat, sollte sich wirklich beeilen. Insbesondere Destinationen wie Griechenland, die Türkei oder die Balearen sind aktuell sehr gefragt. 

@ Getty Images/ molchanovdmitry
„Jeder, der in der Touristik arbeitet, hat in den vergangenen Jahren sicherlich auch Momente gehabt, die sehr düster waren. Aber wir haben es geschafft. Wir sind da rausgekommen.“
Ingo Burmester

one: Zeitgleich mit der gestiegenen Reiselust steigen nun auch die Preise. Wie fast überall in der Wirtschaft, ist auch die Touristik von den Folgen des Ukraine-Kriegs, wie deutlich höhere Spritkosten, betroffen. Hat das Einfluss auf das Buchungsverhalten der Kund:innen?

Ingo Burmester: Im Tourismus sind vor allem steigende Kerosinpreise ein Thema. Aktuell merken wir jedoch noch keine Einflüsse auf das Buchungsverhalten – müssen die Entwicklungen aber selbstverständlich weiterhin beobachten. Im Moment ist der Reisehunger und der Wunsch nach Erholung einfach riesengroß. Alle brauchen jetzt eine Auszeit und einen Urlaub zum Durchatmen. Darum wird daran erst mal nicht gespart. 

one: Als CEO DER Touristik Central Europe leiten Sie die größte Division der DER Touristik Group mit dem gesamten Vertriebs- und Veranstaltergeschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz - beispielsweise mit den Marken Dertour, ITS, Kuoni und Helvetic Tours. Hinzu kommen Spezialisten, der Reisebürovertrieb mit Dertour Reisebüro sowie REWE Austria Touristik. Was sind die großen Themen im Jahr 2022 und 2023 in Ihrem Bereich?

Ingo Burmester: Wir werden unsere Kunden noch radikaler in den Fokus stellen und Angebote entwickeln, die maßgeschneidert zu ihren Bedürfnissen passen. Zudem werden wir unseren Service weiterentwickeln und Kunden noch besser begleiten: Das heißt für uns, dass wir die persönliche Beratung in unseren Reisebüros und digitale Serviceangebote noch stärker verzahnen. Digitalisierung wird für uns das zentrale Thema in den kommenden beiden Jahren – und ich freue mich sehr, viele spannende Veränderungen in diesem Bereich anzustoßen. In den vergangenen Monaten haben wir sehr intensiv daran gearbeitet, Innovationen in diesem Bereich voranzubringen. Die Arbeit an diesen Projekten hat mich inspiriert und motiviert mich, mit Schwung aus der Krise zu gehen. 

one: Klingt nach viel Arbeit, die jetzt ansteht…

Ingo Burmester: Auf jeden Fall. In einem Unternehmensporträt über die DER Touristik titelte eine Redakteurin neulich: Jetzt bloß nicht ausruhen! Gemeint war, dass wir nachdem wir die Krise besser als so mancher Wettbewerber überstanden haben, jetzt unbedingt weiter machen müssen, um unsere Position auszubauen. Und genau da stehen wir jetzt – die Krise ist erst mal überwunden, aber unsere Ziele sind ehrgeizig und es geht mit Tempo weiter nach vorn. 

Herr Dr. Burmester, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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